Das (finstere?) Mittelalter

(Dieser Beitrag gehört zur Serie „Redewendungen“. Hier geht es zum ersten erklärenden Beitrag „Was macht der Storch im Salat?“ und zur Übersichtsseite mit allen Beiträgen.)

Auch beim Lesen begegnen mir Redensarten. Besonders historische Romane sind wahre Fundgruben. Hier sind mir in den vergangenen Wochen folgende Redensarten begegnet, bei denen ich zum Teil bereits weiß, wo sie ihren Ursprung haben (oder habe es im entsprechenden historischen Roman erfahren), bei anderen musste ich allerdings nachschauen.

Die Redewendung „Torschlusspanik haben“ habe ich auf einer Stadtführung durch Basel kennengelernt. Wir haben unter anderem das Spalentor besichtigt, ein mächtiges Stadttor im Westen der Stadt. Früher wurden die Stadttore ja abends geschlossen und wer nicht vor den Toren nächtigen wollte, musste also rechtzeitig am Stadttor sein, um noch eingelassen zu werden. Wer unterwegs aufgehalten wurde, bekam deshalb Torschlusspanik – also Angst, es nicht mehr rechtzeitig durchs Tor in die Stadt hinein zu schaffen.

Früher mussten verheiratete Frauen ihr Haar mit einer Haube bedecken, daher kommt der Ausdruck „unter die Haube kommen“ für heiraten.

Wer „mit gezinkten Karten spielen“ will, muss aufpassen, dass er nicht auffliegt, denn er spielt mit gefälschten Karten. Heute bedeutet die Redewendung laut Duden (Band 11, Redewendungen): „seine Pläne, Ziele mit unlauteren Mitteln verfolgen“. Zur Herkunft schreibt Wikipedia (zuletzt abgerufen am 11. Juni 2025): „Gezinkte Karten sind Spielkarten, bei denen der Kartenwert einer eigentlich verdeckten Karte durch unauffällige Markierungen für Eingeweihte offenbar wird. Der Ausdruck kommt aus dem Rotwelsch der Landstreicher und fahrenden Handwerker, die durch bestimmte Zeichen (Zinken) Häuser markierten, um den Nachfolgern Informationen über die Bewohner zu geben.

Maulaffen feilhalten“ ist die nicht sehr nette Bezeichnung für dumm herumstehen und tatenlos zusehen (so würde ich das jedenfalls umschreiben). Der Duden (Band 11, Redewendungen) schreibt dazu: umgangssprachlich, abwertend: gaffen, müßig zuschauen. Die Herkunft (laut Duden aber nicht sicher geklärt), wird im Buch „Schwein gehabt! Redewendungen des Mittelalters“ auf Seite 118 folgendermaßen beschrieben: Da es ja noch keine (elektrischen) Lampen gab, waren Tranfunzeln und Kienspäne nach Sonnenuntergang die einzigen Lichtspender. Kienspäne sind harzreiche Holzscheite, für welche es damals die Kienspanhalter aus Ton gab, welche in Form eines menschlichen Kopfes gestaltet waren, mit dem offenen Mund als Öffnung für den Kienspan. Der Grund für diese Gestaltung war, dass man, wenn man grad keinen Kienspanhalter zur Hand hatte, den Kienspan einfach zwischen die Zähne klemmte (allerdings nur für kurze Zeit…). Im vierzehnten Jahrhundert wurden diese Kienspanhalter deshalb „Maulaffen“ genannt. Auch die späteren, zangenartigen Halter aus Metall behielten diesen Namen, obwohl sie inzwischen keine Ähnlichkeit mehr mit einem Menschenkopf hatten. Die Redewendung nimmt aber immer noch Bezug auf das dumme Gesicht mit offenem Mund, das aussieht wie ein Kienspanhalter – eben ein zum Verkauf angebotener Maulaffe (Kienspanhalter).

Eine weitere Redewendung ist mir begegnet, als wir mit dem Auto bei uns in der Gegend unterwegs waren. Am Ortsausgang von Holzen im Markgräflerland, wegen seines Storchengeheges bei uns auch bekannt als Storchen-Dorf, schreitet in aller Ruhe ein Storch über die Straße und wird auch nicht schneller, als sich das Auto nähert, ja, er zeigt überhaupt keine Scheu vor Autos, wie wenn er wüsste, dass er hier im Ort der Star ist. Da ruft mein Mann ganz erstaunt: „Da brat mir einer einen Storch!“ Und ich frage mich, woher wohl die Redewendung kommt, denn der Storch ist ja wirklich ein großer Vogel (das wurde mir bewusst, als wir in so nah vor unserem Auto sahen) und somit bestimmt nicht für die Küche geeignet! Ich schlage die Redewendung deshalb im „Schwein gehabt! Redewendungen des Mittelalters“ nach. Auf Seite 114 finde ich folgende Erklärung zu Bedeutung und Herkunft: „Da brat mir einer einen Storch!“ bedeutet (heute) „Da bin ich aber sehr erstaunt!“. Zur Herkunft steht, dass die mittelalterliche Küche anscheinend sehr fleischarm war. Getreide spielte als Grundnahrungsmittel eine große Rolle und Fleisch lieferte hauptsächlich das Schwein, aber nicht das Rind. Kein Wunder, dass deshalb damals Tiere zubereitet wurden, welche heute nicht mehr auf den Tisch kommen wie zum Beispiel Igel und Siebenschläfer. Als Geflügel kamen nicht nur Hühner, Gänse und Enten auf den Herd oder in den Ofen (und später auf den Tisch), sondern überhaupt jede Vogelart, die man fangen konnte (so zum Beispiel Schwäne, Pfauen, Wachteln, Kraniche, aber auch Singvögel). Allerdings gab es auch Tiere, deren Genuss untersagt war: neben dem Storch gehörten dazu Reiher, Rabe und Schwalbe. Obwohl es sich dabei um eine alttestamentliche Vorschrift handelte, nahm man dieses Verbot auch im Mittelalter ernst, denn der Storch soll ja die kleinen Kinder bringen. Deshalb gehörte es sich nicht, einen Storch zu braten – vielmehr würde das für Entrüstung sorgen! (Übrigens dreht es sich im ersten Beitrag „Was macht der Storch im Salat?“ in dieser Serie über Redewendungen auch um den Storch – scheint ein beliebtes Tier zu sein…!)

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