Was steckt im Dialekt?

(Dieser Beitrag gehört zur Serie „Redewendungen“. Hier geht es zum ersten erklärenden Beitrag „Was macht der Storch im Salat?“ und zur Übersichtsseite.)

Im Beitrag „Auf hoher See“ habe ich am Ende auf weitere Redewendungen hingewiesen, die ich nun in diesem Beitrag erklären möchte. Sie stammen hauptsächlich aus dem Schweizerdeutschen und Alemannischen. (Wer Lust hat auf zwei ausführliche Texte in Schweizerdeutsch inklusive von mir gesprochener Audio-Aufnahme, hier geht es zu den Beiträgen „Schwyzerdütsch“ und „Und no meh Schwyzerdütsch!“.)

Die Redewendung „verzell doch das im Fährima“ („erzähl‘ das doch dem Fährmann“), die ich auch schon in „Und no meh Schwyzerdütsch!“ erwähne, hätte gut in den Beitrag „Auf hoher See“ gepasst, weil Basel ja am Rhein liegt und der Rhein in die Nordsee fließt. Um die Redewendung zu verdeutlichen, gibt es erst eine kleine Geschichte und danach „verzell“ (erzähle) ich Euch von den Basler Fähren und ihren besonderen „Fährimänner“, die in Basel und auf dem Rhein zuhause sind: Wann verwende ich jetzt diese – lustige – Redewendung? Ich erkläre es mal so: neulich war mein Mann an einem Bogensport-Turnier (mehr zum Bogenschießen in „Abenteuer in Afrika“) und hat mir hinterher erzählt, dass während der Pause eine Eidechse auf seine Schulter gesprungen sei und von dort seinen Arm hinunter spaziert ist… ich habe das erst nicht glauben wollen und deshalb gesagt: „verzell doch das im Fährima“.

Ob es diese Redewendung nur in Basel gibt, kann ich nicht sagen, aber die historischen Gierfähren, wie sie in Basel auf dem Rhein verkehren und Basels besonderes Flair unterstreichen, sind am Rhein einzigartig. Denn als ich vor Jahren mit meinem Mann eine mehrwöchige Radreise dem Rhein entlang von Basel bis nach Holland an die Rheinmündung unternommen habe, gab es solche Fähren nirgends – und ich habe auf dieser Radtour auch festgestellt, dass Basel die einzige Stadt am Rhein ist, die sich beidseits des Flusses ausbreitet, der Rhein somit mitten durch die Stadt fließt und– besonders im Sommer – eine wichtige Rolle im Leben der Baslerinnen und Basler spielt. Bevor die beiden Stadtteile Groß- und Kleinbasel mit Brücken verbunden waren, nahmen die Fähren diese wichtige Funktion ein (es gab damals noch mehr als die heutigen vier). Doch auch heute sind sie nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken und bieten bei der Überfahrt eine kleine Auszeit vom Alltag. Da die Fähren motorlos unterwegs sind – als Gierfähren nutzen sie die Wasserströmung als Antrieb – ist es immer auch ein kleines Abenteuer, denn die zahlreichen Frachtschiffe sind bedeutend größer als eine Fähre und haben außerdem Vorfahrt! Und wenn sich dann im Sommer die halbe Stadt den Rhein hinuntertreiben lässt, um Abkühlung zu suchen, dann wird einem bewusst, welche Verantwortung ihre Steuermänner tragen. Deshalb sind die „Fährimänner“ auch von besonderem Schlag und jeder ein Original. Sie sind als selbständige Kapitäne auf ihrer „Fähri“ unterwegs und werden auf der Überfahrt bestimmt viel mitbekommen. Ob immer alles stimmt oder hier doch auch Seemannsgarn gesponnen wird? Nun, daher wird wohl auch die Redewendung stammen…! Zum Schluss dieses Abschnitts über die Basler Fähren und ihre „Fährimänner“ noch diese kleine Geschichte, die ich bei einer meiner zahlreichen Überfahrten mit der Münsterfähre erlebt habe: Es war an einem kalten Frühlings- oder Herbsttag und der „Fährima“ der Münsterfähre, ein blonder Hüne, hat zwei besondere Merkmale: zum ersten trägt er immer einen knallbunten, übergroßen (selbstgestrickten?) Wollpullover, zum zweiten ist er stets barfuß – und zwar sommers wie winters! – auf der Fähre anzutreffen. Er wird deshalb von einer Deutschen gefragt, ob er denn keine kalten Füße habe? „Nein“, antwortet er, „aber Sie können gerne mal selber anfassen“, sagt’s und streckt ihr einen seiner riesigen Füße unter die Nase! Entsetztes Gekreische, allgemeines Gelächter – so genau wollte die Dame das doch nicht wissen…

Mein Mann verwendet hingegen eine andere Redewendung, um so etwas auszudrücken: als ich ihm nach einem Ausflug nach Freiburg berichte, dass ich einen Mann mit einem Esel an der Leine durch die Stadt habe gehen sehen, hat er gemeint: „schwätz mr doch kai Znüni in Rucksack!“. Die Redewendung bedeutet „red‘ doch keinen Unsinn!“ und es gibt sie in verschiedenen deutschen Ausprägungen, zum Beispiel auch auf schwäbisch. Das Wort „Znüni“ bedeutet: Zwischenmahlzeit um (z) neun (nüni) Uhr vormittags (also übersetzt auf Hochdeutsch in etwa „rede mir doch keine Vesper/Zwischenmahlzeit in den Rucksack“). Über die Herkunft habe ich nichts herausgefunden, vermutlich ist die Redewendung einfach mal entstanden, als jemand darauf hinweisen wollte, dass etwas unmöglich ist, denn wenn ich nichts zu essen im Rucksack habe, wird darin nicht plötzlich etwas zu essen sein, nur weil mein Gegenüber davon redet. (Dies nur am Rande: Die gleiche Bedeutung hat auch der Ausspruch „schwätz (doch) kai Blääch!“.)

Wem jetzt der Kopf vor lauter Dialekt brummt: im Hochdeutschen würde man wohl für die oben genannten Redewendungen am ehesten „einen Bären aufbinden“ verwenden. Dazu schreibt Gerhard Wagner in „Schwein gehabt!“, S. 110: „anlügen oder ihm etwas vormachen“. Die Herkunft ist nicht eindeutig nachzuvollziehen, schreibt Wagner: Nicht mit dem Bär, sondern mit dem mittelhochdeutschen „ber“ – was so viel bedeutet wie Last oder Abgabe – könnte diese Redewendung zu tun haben. Jemandem eine Last aufbürden ist ja möglich, warum sich daraus allerdings die heutige Bedeutung „anlügen“, ist unklar. Also stand vielleicht doch die Jagd und das Jägerlatein Pate, denn einen Bären erlegt zu haben, war sicher das größtmögliche Jägerlatein – womit wir wieder beim Seemannsgarn (siehe oben bei den „Fährimänner“) wären…!

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