Von Hundert zu Tausend mit Adam und Eva

(Dieser Beitrag gehört zur Serie „Redewendungen“. Hier geht es zum ersten erklärenden Beitrag „Was macht der Storch im Salat?“ und zur Übersichtsseite.)

Schon gleich zu Beginn dieser Serie habe ich festgestellt, dass die Ideen nur so aus mir herauspurzeln und ich habe eine Liste mit Redewendungen angelegt, die ich nach und nach abarbeiten wollte, aber ich komme fast nicht dazu! Denn bereits beim Schreiben eines Beitrages kommen mir immer wieder Redewendungen in den Sinn, werde von anderen auf Redewendungen hingewiesen, dabei erinnere ich mich wiederum an weitere Redewendungen oder sie kommen mir schlicht in meinem Alltag in den Sinn oder bei der Beobachtung meiner Alltagssprache (und der Alltagssprache von anderen) – sprich: ich komme „vom Hundertsten ins Tausendste“! Deshalb werde ich jetzt erst die „neuen“ Redewendungen zu erklären: also diejenigen, welche in den vergangenen Beiträgen unerklärt blieben, weil sie mir erst beim Schreiben in den Sinn gekommen sind und ihre Ausführung den Beitrag zu lang hätte werden lassen.

Ich starte gleich mit „vom Hundertsten ins Tausendste kommen“, denn diese Redewendung begleitet mich fast ständig beim Schreiben eines Beitrags. Das Buch „Schwein gehabt!“ (Redewendungen des Mittelalters von Gerhard Wagner) – neben Duden und Internet eine weitere wichtige meiner Quellen – schreibt dazu: abschweifen, den Faden verlieren. Zur Herkunft schreiben das Mittelalter-Buch und der Duden: Früher gab es ganz viele verschiedene Währungen, denn Fürsten, Städte und sogar Klöster prägten ihre eigene Münzen. Damit in diesem Durcheinander die Bezahlung funktionierte, wurde eine Rechenbank eingeführt, auf der Linien eingeritzt waren, auf die man so genannte Rechenpfennige (münzähnliche Metallscheiben ohne Wert) setzte. Die Linien zählten pro aufsteigender Reihe zehnfach, so dass man bei einer falschen Platzierung der Pfennige leicht die Hunderter-Schritte „verpasste“ und gleich von Hundert zu Tausend kommen konnte. Die Wendung bezog sich also zuerst auf einen Rechenfehler und wurde dann im Sinn von „alles durcheinander bringen, ohne Sinn und Verstand drauflosreden“ gebraucht. Später verblasste dieser Bezug und man verband mit der Redewendung die Vorstellung, dass es sich um hundert und tausend Dinge handelt, auf die man im Gespräch kommt.

Und bevor ich jetzt – wieder! – vom Hundertsten ins Tausendste komme, schaue ich auf meine Notizen: aus dem Beitrag „Vom sinnlosen Sieb“ (im zweiten Absatz) ist noch die Redewendung „aus dem Stegreif“ unerklärt geblieben, was „ohne Vorbereitung, improvisiert“ bedeutet (Duden, Band 11, S. 726). Zur Herkunft schreibt der Duden: Stegreif ist ein altes Wort für Steigbügel. Aus dem Stegreif bedeutete also ursprünglich „ohne vom Pferd herunterzusteigen, sofort“.

Doch nicht nur ich komme „vom Hundertsten ins Tausendste“, sondern auch meine Großcousine (mehr zu dieser Verwandten im Beitrag „Noch mehr zum Sieb“). Denn nachdem ich den ersten Beitrag dieser Serie (Was macht der Storch im Salat?) veröffentlicht habe, bekomme ich von ihr eine Mail mit dem Betreff „Redensarten“ und mehreren Anlagen – lustig, was sie im letzten Absatz ihrer Mail schreibt (sie war Lehrerin): „Ich hänge dir meine damaligen Lösungsblätter an (…), aus denen du nehmen kannst, was du willst. Oder auch gar nichts. Ich komme immer vom Hundertsten ins Tausendste (da habe ich ohne es zu wollen, wieder eine Redensart gebraucht!) oder fange bei Adam und Eva an, wenn ich etwas erzähle!“

Sie liefert mir mit ihren Worten eine wunderbare Überleitung zur Redewendung „bei Adam und Eva anfangen“, welche ich im Beitrag „Obstsalat“ (im dritten Abschnitt bei den Äpfeln) verwendet habe. Sie steht umgangssprachlich für „bei seinen Ausführungen sehr weit ausholen“ (Duden, Band 11, S. 34). Zur Herkunft nur soviel: Adam und Eva kommen im Buch Genesis vor, dem 1. Buch der Bibel. Interessant(er) – und lustiger! – ist eine weitere Mail meiner sprach-verrückten Großcousine, das mich kurz nach dem Veröffentlichen von „So ein Lavendel“ erreicht und Bezug darauf nimmt (außerdem hatten wir uns ein paar Tage vorher bei einem Treffen über französische Redewendungen unterhalten): „…eine davon heisst „pour revenir à nos moutons“. Offenbar nimmt das Bezug auf ein Theaterstück aus dem 15.Jh (also weder die alten Griechen noch die Kelten…), in dem es um einen Prozess wegen gestohlener Schafe geht. Warum ich aber „Kraut und Rüben“ schrieb im Betreff: Mami sagte „pour revenir à nos choux“, nicht à nos moutons. … Angewendet hat sie es immer, wenn man bei Adam und Eva anfing und sie auf den Punkt zurückkommen wollte.“

Übrigens heißt „ich komme vom Hundertsten ins Tausendste“ auf Französisch „je saute du coq à l’âne“… aber das nur nebenbei – bevor ich wieder vom Hundertsten ins Tausendste komme!

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8 Gedanken zu „Von Hundert zu Tausend mit Adam und Eva“

  1. Danke für den Hinweis! Es ist schon spassig, wie durchdrungen von solchen teilweise sehr alten Formeln der eigene Sprachgebrauch ist, selbst wenn man weit von sich weisen wollte, dass man zu Sprichworten und Floskeln neigt. Ganz ohne kann wohl niemand auskommen. Die man sich zu eigen gemacht hat, schaffen Verbindungen zu Menschen und Umgebungen, mit denen man Zeit verbracht hat.

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