Heute – am 16. Februar 2022 – wäre meine Großmutter mütterlicherseits 111 Jahre alt geworden – was für eine Zahl! Für mich ein Anlass, dieser besonderen Frau zu gedenken, die immer für mich da war und mir auch sehr viel (mit-)gegeben hat.
Wenn ich bedenke, dass meine Großmutter 1911 geboren wurde, so wird mir bewusst, dass sie ihrer Zeit voraus war – oder vielleicht sollte ich einfach schreiben: sie war (für ihre Zeit) eine sehr moderne Frau. Schon in jungen Jahren auf sich gestellt, die Eltern getrennt (der Vater Alkoholiker), hat sie nach Abschluss der Handelsschule gearbeitet, um ihrer jüngeren Schwester ein Studium zu ermöglichen. Sie hat sich als junge Erwachsene Hosen genäht, um mit ihren Cousins im nahen Schwarzwald Ski fahren zu können (das dürfte so Anfang der Dreißiger Jahre gewesen sein). Sie hat ihren zukünftigen Ehemann zum Faltboot fahren auf dem Rhein begleitet – und die beiden sind bei den Isteiner Schwellen (die damals noch ganz anders, sehr viel spektakulärer waren aus heute) gekentert… für sie war in meinen Augen immer klar, dass Frauen dasselbe können (und dürfen sollten) wie Männer. Mit dreiundfünfzig wollte sie sogar noch den Pkw-Führerschein machen (vorher hat wohl das Geld dazu nie gereicht), das hat dann aber doch nicht mehr geklappt. Ich glaube, sie würde sich riesig freuen, wenn sie wüsste, dass ich vor drei Jahren den Motorrad-Führerschein gemacht habe… vermutlich würde sie am liebsten mitfahren!
Ich habe viele schöne Erinnerungen an sie: sei es, dass ich die Winterferien bei ihr verbracht habe, als ich noch zu klein war, um mit der Familie in die Skiferien zu fahren, sei es, dass sie mich mit zu ihrer Schwester nach Biel genommen hat, zu der sie zeitlebens eine sehr innige und enge Beziehung hatte, in den Jura ins Ferienhäuschen einer Freundin, wo sie mir auf einem Moorsee das Schlittschuh fahren beigebracht hat oder einfach nur an schöne Nachmittage im Garten. Etwas ganz Besonderes war es, wenn sie mich mit ins berühmte Basler Marionettentheater genommen hat: die Märchen und Kinderstücke haben mich in diesem altehrwürdigen Gewölbekeller immer in Bann genommen und es war auch schon aufregend genug, mit Bus und Tram durch die halbe Stadt Basel zu fahren, von ihrem Haus im Eglisee zum Münsterplatz, wo das Theater war. Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, dass sie mir ganz geduldig beigebracht hat, Schnürsenkel zu binden: da sie eine äußerst praktisch veranlagte Frau war, hat sie dazu einen Karton genommen, auf jeder Seite mit dem Locher zwei Löcher ausgestanzt und durch die Löcher auf jeder Seite jeweils ein farbiges Geschenkband gezogen – so konnte ich reihum versuchen, einen schönen „Lätsch“ (auf Hochdeutsch vielleicht Schleife?) zu binden und ich kann mir gut vorstellen, dass es eine Belohnung gab, wenn ich alle vier Schleifen fertig brachte (erinnern kann ich mich daran allerdings nicht mehr, das war auch nicht so wichtig – viel wichtiger war die Freude darüber, etwas sinnvolles gelernt zu haben).
Auch etwas Besonderes war ein ganz simples, aber dafür umso lustigeres Spiel, das wir bei ihr spielen durften und das nur bei ihr möglich war (an das können sich vermutlich auch meine Geschwister noch erinnern). Meine Großeltern wohnten in einem schon damals älteren Genossenschaftshaus in einer Siedlung in der Nähe des Badischen Bahnhofs in Basel (vielleicht wurden diese Häuser ähnlich der sogenannten Gartenstadt in Weil am Rhein gebaut), eine Holztreppe führte in den ersten Stock und war das Zentrum des Spiels. Unten an den äußeren Rand der Treppe kam ein metallenes großes Sieb, das wir aus der Küche „stibitzen“ durften, außerdem brauchten wir einen Sack voll „Klämmerli“ (Wäscheklammern, damals noch hauptsächlich aus Holz). Dann konnte der Spaß beginnen: ich setzte mich auf die oberste Stufe der Treppe, nahm ein „Klämmerli“ aus dem Sack, legte es fein säuberlich („süüferli“) oben auf die Wange der Treppe (also auf den Holzrand zwischen Stufen und Wand) und wenn ich es dann mit einem kleinen Schubs losließ – hui! – dann sauste es auf der Wange hinunter und – plumps! päng! – ins Metallsieb! Kindliche Freude pur! Beim Schreiben sehe ich gerade das alte, zerbeulte Salatsieb aus Metall vor mir…! Da meine Großeltern verständlicherweise das Geschepper der Wäscheklammern im Metallsieb nicht dauernd hören mochten, durften wir dieses beliebte Spiel nicht allzu oft machen, aber gerade weil wir es nur selten spielen durften, war es etwas Besonderes und vielleicht vor allem in seiner Einfachheit so anziehend. (Daheim im Elternhaus konnten wir das tolle Spiel leider nicht wiederholen, da ich in einem Haus mit nur Erdgeschoss – ich glaube, das würde man heute einen Bungalow nennen – aufgewachsen bin… leider also nix mit (alter) Holztreppe!)
Neben vielen anderen (schönen) Erinnerungen ist mir etwas erst nach vielen Jahren aufgefallen, als ich einmal über einer meiner Stickarbeiten (ja, ich sticke – und das gern!) gesessen bin: meine Großmutter hat sehr gerne – und äußerst fingerfertig – gestickt! Doch während „Grämi“ (Erklärung dieses Begriffs folgt noch) ganze Bilder nach eigener Vorlage gestickt hat, zum Beispiel den Erzengel Michael (ein Ausschnitt des Bildes ist auf dem Beitragsfoto zu sehen), oder eine illustrierte Landkarte des Misox (ein Tal im Kanton Graubünden) oder sogar ein ganzer Wandbehang mit dem Bildnis ihres Sohnes, so beschränken sich meine Stickereien auf einfache Kreuzstichmuster – trotzdem werde ich wohl etwas von ihrer Freude daran mitbekommen haben. Sie hat sogar für mich ein ganzes Bilderbuch gestickt – mehr dazu dann im diesjährigen Adventskalender…!
Nicht nur die Freude am Sticken werde ich von ihr mitbekommen haben, sondern wohl auch eine gewisse Abenteuerlustigkeit. Wie ich ja schon im ersten Abschnitt beschrieben habe, ließ sie sich als Frau nicht beirren und hat vieles getan, das sich andere wahrscheinlich nicht getraut hätten: als meine Eltern Mitte der Sechziger Jahre in New York lebten, hat sie meine Eltern mit dem Flugzeug besucht (allein, ohne meinen Großvater!) – damals flog man eine solche Strecke mit einer DC10 und musste auf den Azoren einen Fuelstop einlegen… auch als wir Mitte der Siebziger Jahre in den Libanon übersiedelten, kam sie uns allein besuchen und hat sogar alleine Ausflüge gemacht – anscheinend ist sie allein mit dem Bus nach Damaskus (Syrien) gefahren und hat von dort als Souvenir einen Säbel mitgebracht… da ich damals erst knapp ein Jahr alt war, kann ich mich leider nicht daran erinnern. Auch später ist sie viel gereist, mit Freundinnen, mit ihrem Mann, mit mir in die Ferien.
So, aber bevor ich jetzt in noch mehr Erinnerungen schwelge, beschreibe ich jetzt, was ich schon ganz am Anfang erklären wollte, bevor die Erinnerungen auf mich eingeströmt sind und meine Finger ganz automatisch angefangen haben zu tippen… ich (und auch meine Geschwister) haben nämlich zeitlebens unsere Großeltern mütterlicherseits „Grämi“ (für die moderne Großmutter) und „Grämpi“ (für unseren lieben Großvater) genannt. Warum das so ist, dazu gibt es eine „Familiengeschichte“, von der ich ausgehe, dass sie stimmt (aber sicher kann man sich ja bei solchen Geschichten nicht immer sein): da meine Großeltern mütterlicherseits aus der französischen Schweiz (oder gar aus Frankreich) stammten, hätten sie auch entsprechend genannt werden sollen, also „grand-mère“ und „grand-père“. Da ich als Kleinkind aber angeblich diese Begriffe nicht aussprechen konnte, wurde daraus eben „Grämi“ und „Grämpi“ – da meine Geschwister sie aber auch immer so genannt haben, ist davon auszugehen, dass diese „Verballhornung“ der französischen Bezeichnungen wohl vor meiner Zeit stattgefunden hat… heute spielt das ja keine Rolle mehr, denn „Grämi“ ist und bleibt eine besondere Frau – und wohl nicht nur mir in besonderer Erinnerung!
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Wow! Ich bin total beeindruckt von deiner Großmutter.
Das Stickbild des Engels hat mich sofort (noch vor dem Lesen) gefesselt, jetzt habe ich auch gelesen, dass das Stickbild und die Vorlage dazu von deiner Großmutter sind. Durch diese Einzelheiten ist das Bild für mich irgendwie noch schöner geworden. Sie sind wie Glitzerstaub…
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Das freut mich! Sie war für mich eine ganz wichtige und inspirierende Bezugsperson, also eigentlich inspiriert sie mich immer noch, auch wenn sie leider schon lange nicht mehr da ist. Deshalb finde ich es umso schöner, dass mich das gestickte Bild immer wieder an sie (und ihre Stärke) erinnert. Sie war und bleibt ein Lichtblick in meinem Leben…
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