Die (traurige) Vorgeschichte meiner englischen Lady

Noch kein halbes Jahr steht die schwarze Street Twin nun neben unserem Haus und schon könnte ich mir ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Besonders schön ist, dass es meinem Mann – der ja nicht wirklich begeistert von meiner Motorradfahrerei ist – anscheinend ähnlich geht. Denn als ich meine Lady kürzlich in die Werkstatt bringen musste – die jährliche Inspektion war fällig und ich wollte die Maschine sowieso nach meinem Sturz durchchecken lassen – sagt mein Mann abends, als er nach Hause kommt: „Es ist komisch, wenn Dein Motorrad nicht da steht!“

Doch wie kommt ein Motorrad von einer weiß gefliesten Garage in Norddeutschland auf den einfachen Parkplatz neben unserem Haus (inzwischen zum Glück mit Carport)? Warum verkauft jemand eine so schöne Maschine, erst zwei Jahre alt, mit nur 2162 gefahrenen Kilometern und teurem, zum Teil sogar unbenutztem Zubehör? Wir erfahren es bereits beim ersten Telefongespräch.

Es ist eine Geschichte, die mich den Kopf schütteln lässt, aber auch traurig stimmt: Der Mann der ehemaligen Besitzerin ist leidenschaftlicher Motorradfahrer. Eines Tages beschließt sie – „ihm zuliebe“! – den Motorradführerschein zu machen. Wenn die 76 auf ihrem Kennzeichen ihr Jahrgang ist (was ich vermute, denn die beiden Buchstaben davor waren ihre Initialen), dann dürfte sie da knapp über vierzig gewesen sein. Sie entscheidet sich für eine Ferienfahrschule: in einer Woche zum Motorradführerschein. (Ein Kollege hatte mir auch so eine Fahrschule empfohlen, er hatte in vierzehn Tagen den Motorradführerschein gemacht. Mir war von Anfang klar gewesen, dass so eine „Schnellbleiche“* nicht in Frage kommt. Ich wollte mir keinen Stress machen (lassen), sondern in Ruhe genug üben können, um mich auch nach der Prüfung sicher fühlen zu können.)

Da die Vorbesitzerin meiner Lady offensichtlich auch nicht so groß ist, haben die beiden lange nach einer passenden Maschine gesucht. (Ihr Mann hat sich gleichzeitig eine große BMW zugelegt.) Und da die deutsche Triumph-Niederlassung nur etwa 150 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt war, wollten sie das elegante Motorrad auch stilgerecht abholen – nämlich selber fahrend! Sie also auf dem Sozia-Sitz der BMW hin und dann auf dem eigenen Motorrad zurück. „Sie ist auf der ganzen Strecke nie schneller als achtzig gefahren“, erzählt mir der Mann am Telefon sichtlich enttäuscht. Ehrlich gesagt wundert mich das nicht! Denn wenn ich zum ersten Mal nach der Fahrprüfung, auf einem unbekannten Motorrad und auch noch mit einem erfahrenen Motorradfahrer „im Rücken“ 150 Kilometer hätte fahren müssen, dann hätte ich mich wahrscheinlich auch nicht getraut, schneller zu fahren. Und so kam es, wie es kommen musste: die Arme hat irgendwann Angst bekommen und beschlossen, das Motorradfahren aufzugeben. „Sie hat geweint, als sie aufgehört hat mit Motorradfahren.“ erzählt mir die Schwiegermutter, bei der wir die Street Twin schließlich abholen können (die Besitzer waren da gerade im Urlaub und ich wollte nicht mehr länger warten).

Und so bin ich einfach nur unglaublich dankbar, dass wir mit dem Anhänger nach Norddeutschland gefahren sind, um die Maschine abzuholen (auch wenn es Stimmen gab, die mir rieten, doch allein hochzufahren und dann gleich mit dem Motorrad zurück!).So konnte ich in Ruhe erste (kurze) Ausfahrten machen, mich an die Maschine gewöhnen und ausprobieren was passt (ich habe zum Beispiel das extra angebrachte Windschild nach kurzer Zeit entfernt, weil es mir für zu viele Verwirbelungen gesorgt hat) – alles ohne mich zu überfordern. Ich habe mich dann sowieso – aus purer Freude über meinen Führerschein und meine Lady – des Öfteren selber überfordert, doch nach einer Weile habe ich mich wieder an meine Fahrstunden erinnert… und mir ist bewusst geworden, was für ein Riesenglück ich mit meinem Fahrlehrer hatte: er hat mich in jeder Fahrstunde aufs Neue gefordert, mich dabei auch an meine Grenzen gebracht, mich dabei aber nie überfordert. Und auch wenn ich inzwischen gelassener geworden bin, so gilt doch weiterhin: fordern, aber nicht überfordern: nicht nur fürs Motorradfahren, sondern ganz grundsätzlich für mich und mein Leben.

#Worte_die_verzaubern

*Schnellbleiche (umgangssprachlich): in kürzester Zeit erfolgende Vermittlung bestimmter Kenntnisse, Fertigkeiten (Quelle: https://www.duden.de/rechtschreibung/Schnellbleiche, abgerufen am 05.11.2019)

 

3 Gedanken zu „Die (traurige) Vorgeschichte meiner englischen Lady“

  1. ich meine, die Anbahnung, das Landing bei Dir, Deinem Mann hat Beziehungsqualität und die laufen nicht wie ein Betty-Bossi-Rezept. Sie haben Ihre jeweils eigene Dramaturgie, Aufgabe und, in Deinem Fall, Erfüllung. Habt Sorg für einand.

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse einen Kommentar