Mein 11. September

Ein Datum, dass die Welt wahrscheinlich nicht so schnell vergisst. Ein Tag, der vieles (alles?) auf den Kopf gestellt hat.

Wenn ich daran denke, dass ich vor achtzehn Jahren (ich bin ganz erstaunt, wie lange das schon her ist!) den Einsturz der modernen und imposanten Wolkenkratzer des World Trade Centers in New York bei eine Freundin live am Fernsehen mitverfolgt habe, sehe ich die Bilder immer noch vor mir, wie wenn es gestern gewesen wäre. Ich hatte die Freundin damals ganz spontan und ohne zu wissen, was gerade abgeht, besucht. Sie war ein paar Jahre zuvor als Au-pair-Mädchen in New York bei einer Familie gewesen und ich hatte sie damals über Silvester besucht, weil ihre Gastfamilie da im Urlaub war. Natürlich hatten wir auf unserer Sightseeing-Tour durch New York City auch die Aussichtsplattform im World Trade Center besucht – ich kann mich noch erinnern, dass ich es ganz schön gruselig fand, weil man von der Aussichtsplattform durch Glas direkt auf die darunterliegende Stadt blicken konnte – nur durch das Glas getrennt, ohne Geländer oder dergleichen. Und dass das Gebäude geschwankt hat.

Aber was wir jetzt hier am Fernsehen sahen, konnten wir einfach nicht glauben, geschweige denn (er-)fassen. Es schien wie ein (schlechter) Actionfilm, doch es war die (entsetzliche) Realität. Und dass der ehemalige Gastvater zu diesem Zeitpunkt in einem der Türme des World Trade Centers arbeitete, machte das Ganze nur noch schrecklicher. Er hat den Anschlag glücklicherweise unversehrt überlebt, doch mir hat sich der Anblick der einstürzenden Hochhäuser wahrscheinlich für immer ins Gedächtnis gebrannt.

Trotzdem war mir das Datum nicht mehr so präsent gewesen – bis in diesem Jahr. Ganz kurz war mir dieses Jahr am Vormittag bewusst geworden, um welchen Tag es sich handelte und mich noch gefragt, ob das vielleicht ein schlechtes Omen sein könnte. Doch ich hatte die Bedenken einfach beiseite geschoben und war am Nachmittag zur verabredeten Motorradtour aufgebrochen, die mir am Ende – ebenfalls – die Abgründe menschlichen Daseins präsentiert hatte und mich hilflos und entsetzt zurück ließ.

Wie ich ja schon in „Der größte Schmerz“ beschrieben habe, war ich an eben diesem Tag mit einem unbekannten Motorradfahrer auf Tour gegangen. Dass ich schließlich in einer Kurve gestürzt bin, ist nun wirklich nicht seine Schuld. Dass ich seitdem Probleme mit meinem rechten Fuß habe, ebenso wenig. Dass er es aber nicht für nötig hielt, nach dem Sturz mit mir nach Hause zu fahren, sondern einfach die Tour allein fortgesetzt hat, finde ich immer noch total unglaublich und beschäftigt mich weiterhin. Denn dieses Verhalten ist nicht nur für mich befremdlich, sondern für alle, die von diesem Vorfall hören. Es wäre für alle selbstverständlich gewesen, mit mir nach Hause zu fahren.

Und ich mache mir natürlich Vorwürfe, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Warum habe ich mich nicht einfach verabschiedet, nachdem mir schon relativ schnell klar geworden war, dass er mir zu schnell und zu rücksichtslos fuhr?

Das schlimmste daran ist vielleicht aber auch einfach das Misstrauen, das ich seither an den Tag lege. Misstrauen gegenüber unbekannten Motorradfahrern, die (vielleicht auch noch) BMW fahren. Denn ich möchte diese ja nicht einfach pauschal verurteilen, nur weil sich einer aus ihrer „Gilde“ so völlig daneben benommen hat!

Und so frage ich mich einmal mehr, ob da nicht viel mehr dahinter steckt und das alles nur passiert ist, damit ich mich endlich diesem Schmerz annehmen und er heilen kann? Denn so wie meine Verletzung am Fuß hoffentlich irgendwann ganz verheilt sein wird, so wird wahrscheinlich auch der innere Schmerz immer kleiner werden und irgendwann ganz weg sein. Wäre das schön!

#Worte_die_verzaubern

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