Noch mehr ungeweinte Tränen?

Es ist noch nicht lange her, da habe ich einen ganz einfachen, aber für mich vielleicht gerade deswegen umso kraftvolleren Ort entdeckt, an dem ich pures Glück empfinde. Natürlich liegt das lauschige Plätzchen an einer meiner liebsten Motorradstrecken, wie könnte es auch anders sein?! Die Strecke führt durch Wiesen und Wälder, schlängelt sich teilweise einem Bach entlang und beinhaltet das, was für mich eine besondere Motorradstrecke ausmacht: Natur und beschauliche Landschaft, kein Verkehr, abwechslungsreiche Streckenführung und entspanntes Kurvenfahren.

Interessanterweise habe ich den Platz erst entdeckt, als ich die Strecke einmal in der anderen Richtung gefahren bin. Ich fahre bergab aus dem Tannenwald heraus und entdecke in der folgenden Kurve einen kleinen Platz, der mir vorher nicht aufgefallen war – vielleicht als Ausweichmöglichkeit auf der schmalen Straße oder als (kleiner) Wanderparkplatz gedacht, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ideal für eine Pause! Nachdem ich abgestiegen bin und meinen Helm ausgezogen habe, entdecke ich sogar eine alte Holzbank unter den Bäumen. Und als ich mich hinsetze – meine Lady und die schöne Landschaft im Blick – höre ich doch tatsächlich auch noch das Rauschen eines naheliegenden Bächleins. Das frische Grün der Blätter mischt sich mit dem dunklen Grün der Tannen, darüber wölbt sich der klare blaue Himmel, es ist ganz still und ich mittendrin – das ist für mich pures Glück.

Kürzlich war ich wieder dort, an einem Tag, an dem es mir nicht besonders gut ging. Ich kann gar nicht so genau sagen, warum ich mich mies fühlte, aber nachdem ich aufs Motorrad gestiegen und losgefahren war, ging es mir schon besser. Ohne vorher überlegt zu haben, wo ich hinfahren wollte, führte mich dann der Weg doch wieder zu meinem Lieblingsort und ich war gespannt, ob mich die tröstliche und heilsame Atmosphäre auch dieses Mal wieder auffangen würde. Und siehe da, kaum hatte ich mich hingesetzt, überkam mich wieder dieses allumfassende Glücksgefühl und ich hätte fast angefangen zu weinen. Doch ich konnte es nicht, denn einen Augenblick lang war da auch ein Schmerz – ein Schmerz darüber, dass ich diesen bewegenden Moment mit niemandem teilen konnte. (Und auch wenn ich früher immer geglaubt hatte, dass es schrecklich ist, wenn man mit niemanden seinen Schmerz und sein Leid teilen kann, so bin ich inzwischen doch zur Ansicht gelangt, dass es viel schlimmer ist, wenn man seine Freude und sein Glück nicht teilen kann.) Doch dann überwog wieder die Freude und auch die Erleichterung darüber, diesen Platz überhaupt gefunden zu haben und genießen zu können! Bis vor kurzem waren solche Plätze für mich ja unerreichbar gewesen und es ist für mich immer noch unglaublich, dass das jetzt plötzlich möglich ist und was auf einmal alles geht! Doch was nicht geht, ist, die Freudentränen nun doch noch zu vergießen, auch wenn ich es wollte. Und ich habe mich – einen Moment entsetzt – gefragt, ob diese nun auch in meinem Hals stecken bleiben, wie ich das in „Die ungeweinten Tränen“ beschrieben habe, aber dann ist mir bewusst geworden, dass diese Tränen – vielleicht – meine innere Quelle nähren, so dass diese immer wieder, wenn sie voll ist, überlaufen und sich auf die Erde ergießen darf – so wie es Bernhard von Clairvaux so berührend in seinem Gedicht „Die Schale der Liebe“ beschreibt.*

Und einmal mehr getröstet und gestärkt, steige ich wieder auf, in mir die Gewissheit, jederzeit zurück kehren zu können. So schön!

#Worte_die_verzaubern

 

*„Die Schale der Liebe“ von Bernhard von Clairvaux:

„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfliesst, ohne eigenen Schaden weiter. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugiessen, und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen. Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, schone dich.“

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