Wenn ich in „Von der Angst, mich zu zeigen“ noch vorlaut freudig geschrieben hatte, dass mich auf dem Motorrad in meiner „Ritterrüstung“ und unter dem Helm sowieso niemand (er)kennt und ich deshalb nach bestandener Prüfung ganz unbekümmert durch die Gegend kurven würde, denn es würde mich ja (weiterhin) niemand sehen, dann ist eher das Gegenteil davon eingetroffen. Denn ich habe nicht nur festgestellt, dass meine englische Lady auffällt (und das umso mehr, wenn wir auch noch in Begleitung einer Triumph Thruxton unterwegs sind), sondern ich falle ebenfalls auf und zwar ganz einfach durch die Tatsache, dass ich Motorrad fahre und das hätte ich echt nie gedacht!
Wenn sich vorausfahrende Autos plötzlich ganz an den rechten Straßenrand drücken, wenn hinter ihnen ein Motorrad auftaucht (auch wenn ich nur mit der erlaubten Geschwindigkeit unterwegs bin), oder wenn das Bollern meiner Lady von den Häusern in einem alten Ortskern von den Wänden hallt, oder wenn ich – manchmal noch etwas wackelig – im Stop-and-Go-Verkehrs eines Staus vor einem Auto herfahre, oder wenn sich die Menschen am Straßenrand nach meiner Lady und der Thruxton umdrehen – dann wird mir bewusst, es ist vorbei mit meinem Wunsch, mich ungesehen und unerkannt durch die Landschaft (und durchs Leben?) zu bewegen.
Das macht mir ganz schön zu schaffen. Denn immer schwingt dabei auch die Angst mit, zu sehr aufzufallen, zu sehr aus dem Rahmen zu fallen, mich zu sehr zu exponieren – und damit angreifbar und verletzlich zu werden. Diese Angst sitzt ganz schön tief und während ich darüber nachdenke, woher die wohl kommt und wie sie entstanden ist, wird mir mit einem Mal bewusst, dass auch diese Angst (wie alle Gefühle in der Art) wahrscheinlich aus meiner Kindheit stammt. Denn wenn meine Eltern eines nicht wollten, dann war es auffallen (zum Beispiel hat mein Vater, obwohl er ein „hohes Tier“ bei der Bank war, ein ganz unscheinbares Auto gefahren, damit ja niemand glaubt, er würde mit seiner Position angeben, ebenfalls haben wir in einer ganz schlichten Doppelhaushälfte gewohnt) – aber wir sind trotzdem immer irgendwie aufgefallen (oder so habe ich das jedenfalls erlebt). Zum Beispiel bin ich in der Schule schon deswegen aufgefallen, weil ich drei Geschwister hatte, wir also vier Kinder waren (ich war die einzige mit so vielen Geschwistern), oder dadurch, dass wir immer mehrmals im Jahr in Urlaub gefahren sind (und das meist auch an eher unbekannte Orte) und dann auch noch im Hotel gewohnt haben (auch das ungewöhnlich im Vergleich zu den anderen).
Und jetzt falle ich total aus dem Rahmen: ich mache meine Leidenschaft – das Schreiben – zum Beruf, obwohl ich an einer Elite-Uni Betriebswirtschaft studiert habe. Ich fahre Motorrad, weil ich nicht gerne Auto fahre und überhaupt schon immer vom Motorradfahren geträumt habe. Ich bin der Liebe wegen nach Deutschland gezogen (als Schweizerin schon fast ein Verrat am Heimatland!). Ich könnte hier noch viel mehr aufzählen, doch während ich dies schreibe, wird mir bewusst: Ich bin auf dem Weg zu mir selbst! Und da ist es vielleicht ganz normal, dass zwischendurch Zweifel am richtigen Weg aufkommen oder ich manchmal etwas orientierungslos bin und mir wünsche, dass mich dabei niemand sieht. Das Wichtige ist doch nur, dass ich mir selber treu bleibe und mich selber so liebe, wie ich bin – mit all meinen Ängsten, aber auch mit meiner unbändigen Lebensfreude und mit der Gewissheit, dass alles gut ist, so wie es ist. Denn nur so kann ich wachsen und weiter erblühen.
#Worte_die_verzaubern