Rücksicht

Rücksichtslose Menschen sind mir ein Gräuel. Ich selber gehöre eher zur rücksichtsvollen Sorte, denn es liegt mir im Blut, Rücksicht zu nehmen: auf die älteren Geschwister, auf die kranke Mutter, auf andere Menschen…

Doch ich komme immer wieder in Situationen, in denen ich Rücksicht auf andere nehme und mir dann daraus Stress (hier im Sinne von Zeitnot) entsteht. Und dann frage ich mich: wieweit muss, darf, soll ich Rücksicht nehmen?

Vergangene Woche zum Beispiel hatte ich an einem Tag um 14.30 Uhr eine Fahrstunde ausgemacht. Der Tag vorher war emotional sehr anstrengend gewesen. Meine alleinstehende Tante war nach sechs Wochen aus dem Krankenhaus entlassen worden und kam zuhause nicht wirklich klar. Also habe ich mich – zusammen mit meinem Bruder – um sie gekümmert und wir hatten sie dann auch noch zu ihrem Hausarzt begleitet. Ich hatte meine Tante noch nie so aufgewühlt, verunsichert und gestresst erlebt und fand es sehr schwierig, damit angemessen umzugehen. Und da ich länger als andere Menschen brauche, mich von so einer „Aufregung“ zu erholen (siehe auch: „Ich bin kein Alien – ich bin einfach „nur“ hochsensibel!“), war ich auch am nächsten Tag noch etwas „angeschlagen“.

Deshalb hatte ich mir den Vormittag vor der Fahrstunde so eingerichtet, dass über Mittag genügend Zeit zum Kochen, Mittagessen und ausruhen bleibt, damit ich dann fit für die Fahrstunde bin, denn ich finde die Motorradfahrstunden sowohl körperlich wie mental recht anstrengend. Um 11.30 Uhr ruft mich allerdings mein Fahrlehrer an und fragt, ob ich schon um 14 Uhr kommen könne, der anschließende Fahrschüler könne nun schon früher. Ich bin ja selbständig und deshalb zeitlich flexibel… Mir ist klar, dass er dadurch – indem er meine Fahrstunde auch vorverlegt– seinen Nachmittag besser ausnutzt und früher Feierabend hat. Ein bisschen ärgere ich mich, weil ich nämlich an diesem Tag die spätere Stunde haben wollte und sie nicht bekam, weil sie schon belegt war… Aber da ich eben seine Gründe (auch) nachvollziehen kann, sage ich ja.

Somit komme aber nun ich in Stress, da ich ja noch kochen und essen möchte – und wer den Blogbeitrag „Ein großartiges Gefühl (oder lieber ein Stück Schokokuchen?)“ gelesen hat, weiß, dass ich nicht einfach ein Stück Brot essen kann und gut is‘. Durch die entstandene Hektik komme ich dann auch nach dem Essen nicht wirklich zur Ruhe und fahre nicht wirklich erholt in die Stunde, aber ich weiß, dass mich das Motorradfahren ablenken wird und deshalb möchte ich einfach fahren. Trotzdem bin ich unkonzentriert und es wird eine der anstrengendsten Stunden, die ich bisher hatte. Mein Fahrlehrer bleibt – und dafür bin ich ihm wirklich unendlich dankbar – ruhig und gelassen, auch wenn Aufgaben, die ich bisher gekonnt habe, plötzlich so gar nicht mehr klappen wollen und sogar bei einem Sturz ein Stück des Kupplungshebels abbricht (ich kann zum Glück noch mit dem übrig gebliebenen Teil fahren). Ich ziehe die neunzig Minuten trotzdem durch, bin aber hinterher so nass geschwitzt wie schon lange nicht mehr! Dabei hatte ich ein paar Tage zuvor in der Fahrstunde endlich das Gefühl, nach der Winterpause wieder so richtig auf dem Motorrad und beim Motorradfahren angekommen zu sein. Nun, manchmal gibt es einfach solche Tage und da ein langes Wochenende vor der Tür steht, hake ich den Tag ab und beschließe, es nächstes Mal einfach besser zu machen.

Doch als wir die Termine für die Folgewoche ausmachen wollen, geht es schon wieder los mit der Frage nach der Rücksicht. Wir haben bereits Donnerstag und die meisten Termine für die Folgewoche sind schon belegt, da mein Fahrlehrer bis vor kurzem in Reha war und deshalb vorerst reduziert arbeitet. Ich hätte die erste Stunde in der Folgewoche lieber dienstags, meinem Fahrlehrer passt der Mittwoch besser. Am Mittwoch hat meine Tante aber wieder einen Arzttermin, bei dem ich dabei sein sollte (das letzte Mal hatte der Arzt den Austrittsbericht aus dem Krankenhaus noch nicht vorliegen gehabt, von dem wir uns Aufschlüsse über ihren Sturz erhofften). Naja, denke ich, das wird schon irgendwie gehen und sonst geht dann mein Bruder alleine mit meiner Tante zum Arzt. Ich genieße also die freien Tage, doch als der Wochenanfang naht, spüre ich, wie mich die Aussicht auf den Mittwoch beunruhigt. Nach einem Besuch bei meiner Tante und einem Telefongespräch mit meinem Bruder ist mir nämlich klargeworden: ich werde da gebraucht! Ich zerbreche mir den Kopf darüber, wie ich nach der Fahrstunde erst nach Hause komme, um die ganzen Klamotten abzuladen und dann rechtzeitig zu meiner Tante nach Basel: Auto? Dagegen sprechen Feierabendstau und Parkplatznot in der Stadt. Fahrrad? Das wird zeitlich knapp und anstrengend. Zug? Reicht von der Zeit her gar nicht, weil ich nur eine stündliche Verbindung habe. Egal wie ich es drehe und wende, ich komme einfach auf keine vernünftige Lösung. Ausfallen lassen möchte ich die Stunde aber auch nicht, weil ich einfach endlich meinen Führerschein machen möchte! Nach einer weiteren Fahrt als Sozia brennt es mir noch mehr unter den Nägeln, endlich selbst fahren zu dürfen.

Was also tun? In wie weit soll ich Rücksicht nehmen? Auf wen soll ich Rücksicht nehmen? Darf ich von anderen Entgegenkommen verlangen, um selber nicht in Stress zu kommen, obwohl ich davon ausgehen muss, dass die dann in Stress kommen? Soll ich darauf Rücksicht nehmen oder liegt das einfach in deren Verantwortung? Wie kann ich mir und den anderen gerecht werden?

Es ist eine regelrechte Zerreißprobe, die sich in mir abspielt und die mir sogar nachts den Schlaf raubt. Ich möchte nichts von anderen (ein-)fordern, das sie nicht leisten können, oder Erwartungen haben, die sie nicht erfüllen können, aber ich möchte auch nicht diejenige sein, die immer Verständnis hat und Rücksicht nimmt. Was ist nun also richtig? Ich weiß es nicht.

Für mich wäre die einfachste Lösung, die Stunde von Mittwoch auf Dienstag zu verschieben. Das würde mir genügend Zeit und Raum geben, eine entspannte Motorradfahrstunde zu fahren und trotzdem für meine Tante da zu sein. Aber für meinen Fahrlehrer würde das bedeuten, dass er am Dienstag mehr arbeiten müsste als vorgesehen. Und das möchte ich auch nicht, weil sonst die Gefahr eines Rückfalls besteht. Denn er ist eben auch jemand, der sehr rücksichtsvoll ist und versucht, den Wünschen seiner Fahrschüler gerecht werden und sich und seine Bedürfnisse oft hintenanstellt. Und weil ich das ja eben weiß, macht mir das Ganze auch so zu schaffen und ich versuche, eine für alle tragbare Lösung zu finden, aber das werde ich allein wohl nicht schaffen. Deshalb habe ich beschlossen, ihn einfach zu fragen und ihm die Situation zu schildern – auch wenn das bedeutet, ihn am heutigen Feiertag zu kontaktieren (auch da habe ich lange überlegt, ob ich das überhaupt darf!). Jetzt bin ich gespannt auf seine Antwort.

Aber die große Frage bleibt trotzdem: wieviel Rücksicht nehmen?

#Worte_die_verzaubern

Ein Gedanke zu „Rücksicht“

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