Von der Angst, mich zu zeigen

Manchmal gibt es Tage, da frage ich mich ernsthaft, woher ich den Mut genommen habe, mit dem Motorradfahren anzufangen. Oder warum ich mich plötzlich wieder traue, Auto zu fahren. Oder an einem Heavy-Metal-Gesangsworkshop teilzunehmen! Und wenn ich dann „Mut tut gut“ oder „Grenzen überwinden“ nochmal lese, dann wünsche ich mir, dass ich irgendwo den „Knopf“ zum Einschalten des Mutes finde, den ich in den verschiedensten Situationen schon bewiesen habe und der an manchen Tagen einfach nicht zu mir kommen möchte.

Wenn ich wieder vor einer solchen Barriere stehe und ich nach den Ursachen suche, dann bleibt immer nur eine übrig: ich habe einfach Angst, mich zu zeigen!

Beim Autofahren ist mir das irgendwann bewusstgeworden: wenn ich fahre, bin ich für die anderen Fahrer und für meine Mitfahrer sichtbar – und sobald ich sichtbar bin, bin ich auch angreifbar und verletzlich… (beim Motorradfahren hingegen kennt mich sowieso keiner unter dem Helm und in meiner „Ritterrüstung“)!

Manchmal wird mir erst hinterher bewusst, wieviel Mut ich für eine Handlung gebraucht habe oder wieviel Mut es dann noch braucht, auch dabei zu bleiben. Wie zum Beispiel bei meinem Buzz Cut: es hat eine Weile gebraucht, bis ich mich wieder im Spiegel anschauen konnte, besonders nach dem ich dann auch noch aufs Färben verzichtet habe. Aber die Reaktionen aus meinem Umfeld fielen zum Teil ungleich heftiger aus (als erwartet), ja, manche Leute kennen mich gar nicht mehr! Aber dann gibt es glücklicherweise auch jene, die mir nun jedes Mal über die Haare wuscheln, wenn wir uns sehen – und die das vorher nie gemacht hätten! Und das bringt mich dann ganz einfach zum Lächeln… denn für mich braucht es zwar Mut, als Frau einen Buzz Cut zu tragen, aber für mich ist er nicht ein Zeichen von Stärke – wie er oft interpretiert wird – sondern in dem ich mich so „nackt“ zeige, ein Symbol meiner Verletzlichkeit.

Und gerade dieses Schwanken zwischen meiner wieder (oder neu?) erwachten Stärke und meiner enormen Verletzlichkeit bringt mich oft an meine Grenzen. Zu neu sind die beiden (extremen) Pole, zu ungewohnt diese riesengroße Stärke, die mich verrückte Dinge tun lässt und der ganz tiefen Verletzlichkeit, die Angst davor hat, sich in der Liebe (wieder) selbst zu verlieren.

Wie schön wäre es, gleichzeitig stark und schwach sein zu können, voller Hingabe zu lieben und trotzdem bei mir selber zu bleiben, weinen und dann wieder lauthals Lachen zu dürfen. Wie schön wäre es, auch in dunklen Momenten voller Lebensmut zu sein! Wie schön wäre es, mich von meiner Angst befreien zu können, um endlich in Frieden zu leben.

Und so hoffe ich, dass die warme Frühlingssonne die Eisberge (der Angst) in mir zum Schmelzen bringt, die meine Lebensfreude behindern, um endlich – wie die Frühlingsblumen – voller Hingabe in Liebe zu erblühen.

#Worte_die_verzaubern

2 Gedanken zu „Von der Angst, mich zu zeigen“

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