Magische Momente

Auf einer Radtour am Rhein Anfang Juli brennt die Sonne erbarmungslos vom Himmel. Schatten ist rar. Als wir endlich auf dem Campingplatz in Kehl ankommen, sind wir total ausgelaugt. Wir kennen den Platz bereits von früheren Radreisen und liegen erstmal in den Schatten, das Zelt können wir ja später noch aufbauen. Auf dem eher lieblosen Durchgangsplatz stehen schon ein paar Zelte und Wohnmobile, grad in der Nähe eines, vor dem ein Paar sitzt, das sich auf Englisch unterhält und eine Melone isst. Plötzlich steht der Mann auf, kommt mit einem Teller voller Melonenschnitze auf uns zu und streckt ihn uns hin – was er genau gesagt hat, weiß ich nicht mehr, aber wir sind einfach nur total gerührt und haben wahrscheinlich noch nie so leckere Melone gegessen!

Oder auf dem Campingplatz in Lübeck, als wir auf dem Weg zum Klo von einem Motorradfahrer angesprochen werden, der ebenfalls mit dem Zelt unterwegs ist und der uns fragt, ob wir wirklich mit Fahrrad und Zelt unterwegs seien. Als wir „ja“ sagen, fällt er vor uns auf die Knie, schlägt seine rechte Hand aufs Herz und sagt: „My respect!“. Er hätte solch Hochachtung vor Leuten, die mit Fahrrad und Zelt unterwegs seien! Wir sind erstmal sprachlos, denn wir finden, dass es auch Respekt verdient, wenn jemand mit Motorrad und Zelt unterwegs ist. Schließlich ist man dem Wetter gleichermaßen ausgesetzt (und den mitleidigen bis verständnislosen Blicken der Autofahrer)! Rasch kommen wir natürlich ins Gespräch, der Franzose ist bereits wieder auf dem „Heimweg“, er ist bis ans Nordkap gefahren, wo es geschneit hat – und das ist bestimmt auch kein Vergnügen mit dem Motorrad. Grad letztes Jahr waren wir wieder einmal in Lübeck und haben auf dem Campingplatz natürlich noch mehr coole Motorradfahrer getroffen….

Oder wenn ein Igel im Vorzelt mitten in der Nacht die leere Chipstüte ausleckt, weil die so schön salzig riecht… oder uns ein Pferd „auslacht“ oder die Karte am Lenker „lesen“ will. Ganz egal, was es ist: es sind meist nicht die „großen“ Momente wie das Erreichen eines Etappenziels oder die Besichtigung von weltberühmten Sehenswürdigkeiten, sondern die kleinen – scheinbar bedeutungslosen – Erlebnisse, die besonders in Erinnerung bleiben.

Manchmal habe ich mich gefragt, warum ich solche Momente oft nur auf Reisen erkenne. Liegt es daran, dass die Sinne auf einer Reise besonders geschärft sind? Oder dass in der Entspannung des Urlaubsgefühls einfach mehr wahrgenommen wird? Denn natürlich weiß ich , dass es sie auch im Alltag gibt und inzwischen gelingt es mir immer mehr, sie auch im täglichen Leben wahrzunehmen: wenn der Lavendel seine Duftwolken versprüht und unzählige Bienen und Hummeln anlockt, wenn im Herbst die Blätter an den Bäumen und den Weinreben tiefrot vor dem satten Blau des Himmels leuchten, wenn ich in den klaren blauen Augen meines Gegenübers ein Lächeln erkenne, aber auch wenn ich einfach nur im Strandkorb oder in der Hängematte die Sonne genieße. Welcher Reichtum uns doch täglich geschenkt wird!

 

#Worte_die_verzaubern

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