Ein berührender Beginn

Wie oft hatte ich schon in Liebesromanen gelesen, dass die große Liebe mit einem Knall anfängt, dass sie einschlägt wie ein Blitz und nachher nichts mehr ist wie zuvor. Ich hingegen habe es ganz anders erlebt: Das Große begann ganz still und leise – und vollkommen unspektakulär, dafür mit einer ganz tiefen Gewissheit: Das ist er!

Nach einer Jugendliebe, zwei schwierigen längeren Beziehungen und zwei schmerzlichen Kurzbeziehungen hatte ich die Schnauze gestrichen voll von Männern. Ich wollte einfach nur noch meine Ruhe haben und mein Leben als Single genießen. Meine damals beste Freundin war da anderer Meinung und versuchte deshalb mehrfach, mich zu Partys und anderen Veranstaltungen mitzuschleppen. Dabei war ich weder damals noch bin ich heute ein Party-Typ: lauter (unbekannte) Menschen, die versuchen, sich bei (lauter) Musik zu unterhalten (oder auch näher zu kommen) – und das bis in die frühen Morgenstunden – das war einfach nicht meins. Trotzdem bin ich meiner Freundin dankbar, denn ohne es zu wissen, hat sie mich auf die richtige Spur gebracht. Ihr Exfreund – nennen wir ihn Paul – mit dem auch ich lose befreundet war – hatte nämlich einen guten Freund, nennen wir ihn Rainer, der damals auch Single war und ebenfalls nicht gerne auf Partys ging und geht. Ihr wisst schon, was kommt? Ja, aber… lasst mich doch trotzdem noch fertig erzählen!

Nachdem Paul mit seiner Doktorarbeit fertig ist, zieht er um und lädt in seiner Ein-Zimmer-Wohnung zu einer Party. Die Einweihungsparty ist gleichzeitig die Geburtstagsparty seines Freundes Rainer. Natürlich bin ich eingeladen! Wenigstens brauche ich mir über das Geburtstagsgeschenk nicht den Kopf zu zerbrechen. Ich meine, normalerweise finde ich es ja schon schwierig, für einen Mann überhaupt ein geeignetes Geschenk zu finden und diesen Rainer kannte ich ja kaum! Wir hatten uns bisher erst zweimal auf irgendwelchen Partys (siehe oben!!!) gesehen. Aber zurück zum Geschenk. Ein paar Wochen vor der Wohnungseinweihungs- und Geburtstagsfeier hatte ich Paul bereits in seiner neuen Wohnung besucht. Wir hatten einen Ausflug ins Elsass gemacht, waren durch Straßburg gebummelt und hatten abends irgendwo Flammkuchen gegessen. Dazu hatte ich ein Leffe (belgisches Bier) getrunken, das recht dunkel und stark ist, mir aber sehr schmeckt. Paul, der selber kein Biertrinker ist, hat die Flasche mit dem auffälligen Etikett kritisch beäugt und dann gemeint: „Ah, das trinkt Rainer auch so gern!“ Und da ich ja ein Elefantengedächtnis habe, speichere ich solche Dinge natürlich immer ab und war nun froh um diese Information. Denn in Basel, wo ich damals gelebt habe, gibt es ein Fachgeschäft für besondere Biere und ich war mir sicher, dass ich dort zwei kleine Flaschen und das dazu passende Glas finden würde. Und so war es dann auch!

Die zwei Flaschen und das Glas kunstvoll verpackt, machte ich mich also an besagtem Wochenende auf den Weg zu Paul. Ich hatte versprochen früher zu kommen und noch beim Einkaufen und Vorbereiten zu helfen. Es gab aber vorerst nicht viel zu tun, und so konnte ich mich bald auf den Balkon in den Liegestuhl setzen, mit einem Glas Kirsche-Bananensaft (ich weiß heute noch nicht, wie ich dieses Zeug damals mögen konnte!) und Tolkiens „The Lord of the Rings“. Nach einer Weile lege ich das Buch weg. Als es an der Tür klingelt, bleibe ich einfach im Liegestuhl sitzen. Ich weiß, das wird Rainer sein, der ebenfalls früher kommt zum Helfen. Ich habe irgendwie überhaupt keine Eile, an die Tür zu gehen, um Rainer zu begrüßen – obwohl Paul ihn schon in die Wohnung hereingelassen hat. Stattdessen wird es in mir plötzlich ganz still und eine warme Freude breitet sich in mir aus. Mit einem Mal bin ich vollkommen entspannt und gelassen und – weiß es irgendwie einfach.

Schließlich stehe ich dann doch auf, als Paul – schon etwas ungeduldig, weil er mein Verhalten offensichtlich ziemlich unhöflich findet – nach mir ruft. Ich begrüße Rainer. Noch heute weiß ich ganz genau, was er damals getragen hat. Die Kleider haben die vergangenen Jahre nicht überstanden, aber die Erinnerung an dieses Zusammentreffen ist immer noch so klar, wie wenn es erst gestern gewesen wäre!

Und woran ich mich – wir uns beide – ebenfalls noch heute erinnern und noch heute darüber lachen, war der folgende gemeinsame Einkauf: Rainer und ich albern nämlich während des Einkaufs herum wie kleine Kinder – Paul ist sichtlich genervt davon (er tut mir heute noch ein bisschen Leid… aber nur ein bisschen!). Aber der Knüller kommt an der Kasse: während die Männer die Einkäufe aufs Band legen, entdecke ich in einem Regal Ü-Eier – aber nicht irgendwelche „normalen“ Ü-Eier, sondern Ü-Eier mit bunten Plastik-Baseball-Mützen. Ich finde diese total lustig, und stupse Rainer an, um ihm die Ü-Eier zu zeigen. Er findet sie genauso lustig wie ich und dann schmeißen wir uns beide weg vor Lachen und kaufen – nach längerer Beratung, wer welche Farbe nimmt – drei Stück. Paul schüttelt nur noch den Kopf – wir hingegen haben uns erkannt.

Trotzdem dauert es noch ein paar Wochen bis zum ersten Kuss – bis zur ersten gemeinsamen Wohnung dann aber trotz grenzüberschreitendem Behördenkram kein halbes Jahr mehr und schon zwei Jahre später kaufen wir uns bereits ein Haus. Ü-Eier kaufen wir heute nur noch selten und leider haben wir nie mehr solche mit bunten Plastik-Baseball-Mützen gefunden… schade eigentlich!

#Worte_die_verzaubern

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