Grenzen überwinden

Natürlich habe ich in meinem Leben schon viele Grenzen überwunden, ganz egal, ob äußere oder innere. Die äußeren sind – meistens (?) – einfacher: auf einer Reise an einem Grenzübergang seinen Pass vorzeigen und gut. Gerade im vereinigten Europa gibt es ja praktisch keine Zollkontrollen mehr – allerdings mit einer (kleinen) Ausnahme: die Schweiz! Doch auch ich bin schon fast einmal an einem Zoll „hängen geblieben“: bei der Ausreise aus Kuba wollte die Zollbeamtin partout nicht glauben, dass ich die Person auf dem Passbild bin! Da wurde mir dann doch etwas mulmig. Erst ein herbeigerufener Kollege fand dann – nach eingehender Betrachtung – dass ich die Frau auf dem Passbild sei und so durfte ich noch rechtzeitig das Flugzeug zurück in die Schweiz besteigen. So gut es mir in diesem Land gefallen hatte, dort bleiben wollte ich nicht unbedingt…

Meine eigenen Grenzen habe ich immer wieder auf meinen Radtouren erlebt: Auf Kuba zum Beispiel haben mir Hitze, unpassende Ausrüstung und Holperpisten anstelle von Straßen arg zu schaffen gemacht. Aber auch in Dänemark bin ich an der Nordseeküste manchmal an meine Grenzen gekommen: wenn die Sandpiste, die der Radweg war, nicht mehr zu befahren war und wir unsere vollbepackten Räder durch knöcheltiefen Sand schieben mussten – dazu noch der stete Gegenwind und kräftige Regenschauer und das alles entlang eines militärischen Sperrgebietes, in welchem gleich neben der offiziellen (!) Nordsee-Radroute einfach plötzlich losgeballert wurde und schwarze Gestalten herumsprangen. Oder als wir in einem der heißesten Sommer der letzten Jahre an der Donau unterwegs waren… durch scheinbar endlose Weizenfelder ohne Schatten, von Gewitter- und Hagelstürmen auf offener Strecke überrascht, von Pannen heimgesucht – da habe ich mich manches Mal gefragt, warum ich (mir) das (an)tue. Und trotzdem weiß ich ganz genau: Ich möchte keines dieser Erlebnisse missen, haben sie mir doch auch gezeigt, dass immer sehr viel mehr möglich ist als wir uns denken und vorstellen können! Und ich weiß auch, dass ich all diese Erlebnisse nie vergessen werde… was ja eben auch ihren Reiz ausmacht.

Ein Bespiel für das erfolgreiche Überwinden der eigenen Angst als Grenze ist mir kürzlich bei einer Facebook-Diskussion in den Sinn gekommen: Es ist zwar schon länger her, aber es zeigt mir auch noch nach all dieser Zeit, was alles möglich ist: es ging darum, sich im Tessin von einer Brücke abzuseilen. Ich war mit meinem damaligen Freund und ein paar seiner Militärkollegen dort – deren Freundinnen waren alle nicht mitgekommen (die wussten wohl warum?!) – und diese Kollegen hatten sich das mit dem Abseilen ausgedacht. Zuerst habe ich (natürlich?) gesagt, dass ich das nie im Leben machen würde – ich meine, schon nur die Vorstellung, über ein Brückengeländer zu steigen, fand ich einfach irgendwie… grenzwertig. Mein damaliger Freund war glaub ziemlich genervt wegen meines Rumgezicke, aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, was an dieser Aktion toll sein sollte. Schließlich bot mir einer seiner Kollegen an, sich gemeinsam – also neben mir – abzuseilen und mir immer genau zu erklären, was zu tun sei. Warum ich es dann doch noch gemacht habe, weiß ich heute nicht mehr so genau. Einerseits hatte es wahrscheinlich mit meiner Neugier zu tun – wann würde ich wieder einmal die Gelegenheit bekommen, so etwas auszuprobieren? Andererseits nahm mich dieser Kollege ja quasi an die Hand und so konnte ja wohl nichts schiefgehen. Tja – und was passiert? Kaum war ich unten, konnte ich mein Glück kaum fassen und wollte gleich noch mal…!!! Es war einfach ein unbeschreibliches Gefühl, die eigene Angst überwunden und etwas Verrücktes getan zu haben. Ich spüre dieses Gefühl noch heute in mir, wenn ich daran zurückdenke oder die Fotos von damals anschaue.

Nicht immer sind es natürlich die spektakulären Erlebnisse, die Mut erfordern. Manchmal brauchen auch fast alltägliche Veränderungen Mut. Nachdem ich bereits letztes Jahr meine langen Haare abgeschnitten hatte (was schon damals zu ein paar seltsamen Reaktionen geführt hatte), wollte ich mir diesen Sommer (endlich!) einen Buzz Cut schneiden lassen. Meine Friseurin war darüber gar nicht erfreut und wollte es erst einfach nicht machen – bis ich ihr beim dritten Termin klargemacht habe, entweder macht sie es – oder jemand anders! Die ursprüngliche Idee war auch, dass sie mir auch zeigt, wie das geht, damit ich dann selber nachschneiden kann. Darauf wollte sie sich aber bis heute (noch) nicht einlassen, aber für mich steht fest: in Zukunft mache ich das selber! Die ersten Reaktionen auf meine raspelkurzen Haare sind zwar meist verhalten, aber so auf den zweiten Blick – wenn sich die Leute schon etwas an den Anblick gewöhnt haben – finden die meisten, dass es mir doch ganz gut steht. Interessanterweise glauben die meisten Leute, die mich sehen, dass ich mir die Haare wegen der enormen Sommerhitze in diesem Jahr so kurz abgeschnitten habe – für mich aber ist klar: der Buzz Cut bleibt (auch im Winter)!

Ob ich allerdings auch den Mut aufbringe, auf das (dauernde) Färben zu verzichten, steht auf einem anderen Blatt! Was früher einfach dazu diente, die eigene (langweilige) Haarfarbe aufzupeppen, wurde mit dem Erscheinen der ersten grauen Haare für mich unverzichtbar, denn schon als Teenager war mir klar: sobald die ersten grauen Haare kommen, wird gefärbt. Da ich aber meinen Buzz Cut mindestens alle vier Wochen nachschneiden muss, würde das bedeuten: mindestens alle vier Wochen färben! Und darauf habe ich nun wirklich keinen Bock, denn ob diese ganze Färberei wirklich gesund ist, bezweifle ich schon länger und dann habe ich auch einfach keine Lust, jeden Monat so viel Geld dafür auszugeben. Also besteht nun für mich die Herausforderung darin, zu meinen inzwischen recht zahlreichen grauen Haaren zu stehen – oder besser gesagt: diese – einfach so (?) – stehen zu lassen! Wer mich kennt, weiß ja, dass ich einfache Lösungen bevorzuge – und damit wäre die Lösung ja schon klar… Nun, mal sehen, ob ich wirklich den Mut dazu aufbringe und diese „Altersgrenze“ – einfach so! – akzeptieren kann. Schön wär’s!!!

 

#Worte_die_verzaubern

3 Gedanken zu „Grenzen überwinden“

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