Verloren…

Mein Leben ist von Verlusten geprägt: der jüngere meiner beiden Brüder stirbt mit nur 37 Jahren (und das vier Tage nach meinem dreißigsten Geburtstag). Meine Mutter stirbt, als ich fünfzehn bin. Meine geliebte Großmutter (mütterlicherseits) stirbt nur zwei Jahre nach meinem Bruder. Zeitweise habe ich das Gefühl, im Jahresrhythmus ein wichtiges Familienmitglied beerdigen zu müssen. Ich stelle fest, dass die meisten Menschen mit dem Tod völlig überfordert sind. Meine damals beste Freundin kommt nicht an die (große) Trauerfeier meines Bruders, „weil sie mich nicht in meiner Trauer stören wollte“!!! Die meisten erwarten, dass ich weiter funktioniere. Und das tue ich ja auch, zumindest nach außen hin. Doch innerlich fühle ich mich leer und einsam.

Schon als Baby war mein Leben ja von Verlusten geprägt: Umzug in ein fremdes Land, Verlust der wichtigsten Bezugsperson in den ersten Monaten (meine Kinderfrau, die nach ein paar Monaten in die Schweiz zurückgekehren musste), eine durch den Umzug in den Libanon anderweitig beschäftigte Mutter, nach der Rückkehr in die Schweiz ein abwesender Vater.

Der übermäßige Wunsch, irgendwo dazu zu gehören, begleitet mich deshalb ständig. Aber unsere Familie rückt durch die verschiedenen Schicksalsschläge nicht enger zusammen, im Gegenteil, jeder versucht auf seine Weise, damit klar zu kommen. Und entfernt sich dabei immer mehr… zu den offensichtlichen Verlusten kommen also auch noch solche, die in diesem Sinne nicht sichtbar sind.

Dass der Tod meines Katers Frodo – er war für mich viel mehr als einfach nur ein Haustier – das Fass zum Überlaufen bringt, können viele nicht nachvollziehen. „Das war doch nur eine Katze!“ Keine zwei Jahre später muss ich meinen Kater Lucky beerdigen: er hatte mitten in der Nacht einen Pfropfen in der Aorta bekommen und musste notfallmässig eingeschläfert werden! Die Hinterbeine waren bereits gelähmt, als ich ihn nachts gefunden habe, nachdem er mich mit seinem Schreien aufgeweckt hatte. Auch zu ihm hatte ich ein ganz besonderes Verhältnis. Jeden Tag, wenn ich mich über Mittag ein bisschen hingelegt habe, hat er sich an meine Brust gekuschelt und ist ganz ruhig dagelegen, bis ich wieder aufgestanden bin. Seine beiden Schwestern, die immer noch bei uns leben, machen das nicht. Dabei wollten wir gar keinen Kater mehr, sondern nur seine beiden Schwestern mitnehmen, aber dann hat er sich im Tierheim einfach hinter mich gesetzt und mit seinen riesengroßen Augen angeschaut, und als ich ihn dann auf den Arm genommen habe – er war gerade so groß wie meine Handfläche – war klar, er darf auch mit. Und bei Frodo war ich die einzige, die ihn auf den Arm nehmen oder am Bauch streicheln durfte – allen anderen hat er mit einem kräftigen Pfotenhieb mit ausgefahrenen Krallen gezeigt, dass er das nicht will.

Und dann gibt es natürlich immer noch die Momente, in denen man sich selber einen Verlust zufügt. Kaum bin ich in einem Job (mehr oder weniger) erfolgreich, suche ich eine neue Herausforderung oder mache gleich noch eine weitere Ausbildung. Oder sobald ich mich an einem Ort eingelebt habe, ziehe ich wieder um. Oder mir fällt sonst was ein, um wieder von vorn beginnen zu müssen – also einfach alles „hausgemacht“? Nun, inzwischen kann ich – mal mehr, mal weniger gut – mit den Verlusten in meinem Leben umgehen, denn sie gehören einfach dazu. Und ich glaube, ich habe auch gelernt, alles, was ich habe, mehr zu schätzen und nicht gleich immer alles wieder „umspaten“ zu wollen, wenn sich eine gewisse Routine einstellt, sondern auch in der täglichen Arbeit eine Herausforderung zu sehen. In diesem Sinne hat ja jeder Verlust auch immer sein Gutes – er lehrt uns, neue Wege zu gehen.

 

#cleaning_my_soul

#Worte_die_verzaubern

2 Gedanken zu „Verloren…“

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