Der zerbrochene Lebenstraum (oder: Die Suche nach dem verlorenen Paradies)

Weiter geht es mit der Geschichte aus dem Libanon. Wer den Anfang dazu lesen möchte: hier geht es zum Blogartikel „Ein schwieriger Anfang“.

1975. Inzwischen ist im Libanon der Bürgerkrieg ausgebrochen, just am Tag, an dem meine Großmutter zu Besuch kommt! Während mein Großvater in Basel bleibt, lässt es sich die Mutter meiner Mutter nicht nehmen, ihre Lieben zu besuchen, ganz egal, wo die gerade sind. Sie ist bereits, als meine Eltern Ende der 60er-Jahre in New York lebten, allein über den großen Teich geflogen (damals noch mit einem Fuelstop auf den Azoren), um ihren ersten Enkel kennenzulernen! Ich scheine die Reiselust und das Interesse an anderen Ländern und Menschen also von ihr geerbt zu haben… das freut mich! Gerade für dieses Jahr hege ich wieder Reisepläne… (mal sehen, was daraus wird).

Der Krieg bestimmt nun zusehends das Leben der Familie. Der Schulbus, mit dem meine Geschwister zur Schule fahren, muss Umwege nehmen, um sicher ans Ziel zu kommen oder die Schule fällt ganz aus und Banken und Geschäfte bleiben geschlossen. Auch der Strom fällt immer wieder aus und gewisse Lebensmittel sind nicht mehr erhältlich. Von der auf einer Anhöhe gelegenen Wohnung sieht meine Mutter immer wieder in der Stadt oder am Flughafen Rauchwolken aufsteigen, die Detonationen sind auch zu hören, manchmal werden alle Rollläden heruntergelassen. Meine Mutter berichtet über all dies in Briefen in die Schweiz. Im Sommer fliegen meine Geschwister jeweils einzeln für Ferien in die Schweiz – ein besonderes Erlebnis, in diesem Alter allein zu fliegen! Doch im Herbst wird klar, dass die Familie nicht im Libanon bleiben kann.

Mit der letzten (!) Swissair-Maschine, die Beirut verlässt, flüchtet die Familie schließlich zurück in die Schweiz. An Gepäck wird nur so viel mitgenommen, wie jeder tragen kann. Mein ältester Bruder klemmt sich in letzter Minute einen riesigen Plüschaffen unter den Arm, mit dem ich immer gern gespielt habe. Ich erinnere mich, dass ich auch später noch oft mit diesem (eher hässlichen) Affen gespielt habe und ihm meine nicht mehr passenden Kleinkinderklamotten angezogen habe. Alles andere bleibt (vorerst) in Beirut. Die Familie rechnet fest damit, dass sie bald zurückkehren kann. Doch daraus wird nichts. Mein Vater kehrt Anfang 1976 allein zurück, um den Umzug zu organisieren und die Bank zu räumen, bevor diese Ende Januar 1976 geplündert wird.

Zurück in der Schweiz wohnen wir erstmal in einer gemieteten Wohnung. Das eigene Zuhause ist an Fremde vermietet. Wer hätte auch je gedacht, dass die Familie nur ein Jahr im Libanon bleiben würde? Geplant waren zehn Jahre in einem traumhaften Land!

Jedes Familienmitglied versucht auf seine Weise, mit diesem Schicksalsschlag fertig zu werden.

Mein Vater stürzt sich in seine Arbeit. Durch den Karriereschub des Auslandaufenthaltes gehören finanzielle Probleme endgültig der Vergangenheit an. Sein Aufstieg auf der Karriereleiter erfordert immer mehr Auslandseinsätze, so dass er oft nur noch am Wochenende bei der Familie ist (und auch dann meist weiterhin mit seiner Arbeit beschäftigt).

Meine Mutter wird quasi alleinerziehend. Da wir inzwischen wieder in unserem eigenen Haus mit Garten wohnen können, kümmert sie sich um alles und hält meinem Vater für seine Karriere den Rücken frei. Nach außen sieht es zwar so aus, als würden wir behütet aufwachsen und es würde uns an nichts mangeln, aber der abrupte Abschied vom Libanon und der abwesende Vater wird uns alle ein Leben lang prägen.

Während ich also schon von Anfang ohne Vater aufgewachsen bin und schon früh gelernt habe, dass es am besten ist, keinerlei Probleme zum machen – auf allen Fotos sieht man mich immer als das (kleine) Strahle-Mädchen – ringen wir doch alle vier (vergeblich) um die Anerkennung unseres (ehrgeizigen) Vaters.

Doch obwohl alle Kinder ähnliche Belastungen aus dieser Familienkonstellation mitnehmen, werden wir nicht zu einer Schicksalsgemeinschaft. Im Gegenteil! Wir wachsen als Einzelkämpfer auf – jeder kämpft für und mit sich. Erst sehr viel später wird mir klar, dass für uns das abrupte Ende des Libanonaufenthaltes wie die Vertreibung aus dem Paradies gewesen sein muss. Alle sehnen sich vergeblich zurück und versuchen dabei, irgendwie über die Runden zu kommen. Selbst schwere Schicksalsschläge wie der Tod unserer Mutter – ich bin damals fünfzehn Jahre alt – und später der Tod des jüngeren Bruders tragen nicht dazu bei, dass wir uns näherkommen. Wir haben etwas verloren und versuchen nun mit allen Mitteln, es wieder zu finden…

Wie lange habe ich auch immer damit gehadert, weil ich geglaubt habe, keine Wurzeln zu haben, weil mein Leben schon in den ersten Monaten so auf den Kopf gestellt wurde. Auch wenn ich es vielleicht noch nicht immer akzeptieren oder danach leben kann, so glaube ich aber doch, inzwischen begriffen zu haben, dass ich im Außen nichts finden kann, was ich nicht in mir trage. Wenn ich meine Wurzeln in mir gefunden habe, dann bin ich überall auf dieser Welt zuhause und kann Wurzeln schlagen, wenn ich das denn möchte. Oder auch umgekehrt: wenn es mir irgendwo nicht mehr gefällt, kann ich einfach weiterziehen. Und ich habe – nach langem Leiden – endlich auch begriffen, dass ich das Paradies nur in mir selber finden kann. Und damit kann ich (endlich!) aufhören, es (vergeblich!) im Außen zu suchen! Welche Freiheit mir das schenkt!!!

 

Dieser Blogartikel gehört zur Reihe #cleaning_my_soul, #healing, #understanding.

#Worte_die_verzaubern

2 Gedanken zu „Der zerbrochene Lebenstraum (oder: Die Suche nach dem verlorenen Paradies)“

Hinterlasse einen Kommentar