Manchmal braucht es einfach diesen einen Moment, der einem dazu bringt, sein ganzes Leben (oder wenigstens einen großen Teil davon) umzukrempeln.
Bei mir war es im vergangenen Sommer soweit: irgendwann höre ich (zum ersten Mal?) den Podcast von Jean-Christoph von Oertzen. In der betreffenden Folge interviewt er Carena Barkawi, die das Buch „Die Grissini-Falle. Endlich ohne Migräne!“ geschrieben hat. Ich bestelle mir das Buch sofort, da ich selber seit Jahren unter Migräne leide. Es dauert noch eine Weile, bis ich mich dann endlich darin vertiefe, denn die radikale Diät, die sie darin vorschlägt, scheint mir kaum durchführbar… doch ansonsten bin ich davon überzeugt, dass sie mit ihrer These recht hat: Migräniker sind zucker- und kohlenhydratabhängig! Carena Barkawi hat nämlich herausgefunden, wie Migräne entsteht: Nehmen wir an, zwei Personen essen jeweils zur gleichen Zeit einen Apfel. Beim Nicht-Migräniker steigt der Blutzuckerspiegel an, um dann später wieder auf den „Ausgangswert“ zurück zu sinken. Beim Migräniker hingegen sieht die Sache anders aus: der Blutzuckerspiegel steigt ebenfalls an, sinkt danach aber nicht nur auf den „Ausgangswert“ zurück, sondern rast in den Keller. Ein Heißhungergefühl ist die Folge. Kommen nun weder Zucker noch Kohlenhydrate nach, kommt der Entzug, sprich: der Körper reagiert mit Migräne. So einfach ist das! Und ich kann das nur aus eigener (Leidens-)Erfahrung bestätigen!
Noch ist der Leidensdruck allerdings nicht so groß, dass ich sofort ihre Diät umsetze (wobei es sich dabei nicht um eine Diät, sondern um einen Kohlenhydrat- und Zuckerentzug handelt). Ich möchte auch erst verstehen, was in meinem Körper passiert und recherchiere deshalb weiter. Dabei stoße ich unter anderem auf die Internet-Seite von Dani mit ihrer Migrevolution. Sie hat aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen eine „erträglichere“ Variante des Entzugs ausprobiert und es hat auch funktioniert. Im Grundsatz handelt es sich dabei um die sogenannte ketogene Ernährung. Konkret bedeutet dies, die Kohlenhydratzufuhr extrem zu drosseln. Rund 20-30g Kohlenhydrate pro Tag (!) sind erlaubt. Als Faustregel gilt: Es wird nichts gegessen, was mehr als 5g Kohlenhydrate auf 100g hat. Außerdem verzichten Migräniker am besten auf alle Arten von Zucker, also auch Milchzucker, Fruchtzucker (Obst!), Traubenzucker und was es da sonst noch so alles gibt. Ebenso tabu sind Kohlensäure und Alkohol. Auch beim Koffein ist Vorsicht geboten (das habe ich mir glücklicherweise schon länger abgewöhnt).
Entscheidend ist, in die sogenannte Ketose zu kommen. Grob gesagt hat unser Körper zwei „Verbrennungsmotoren“: der eine Motor verbrennt Zucker und Kohlenhydrate, der andere Fett. Bei vielen „funktioniert“ die Fettverbrennung (Ketose) nicht mehr richtig, das heißt, erst werden die Kohlenhydrate und der Zucker verbrannt, und erst danach das Fett, falls noch nötig. Durch den Entzug soll das genau umgekehrt werden: der Körper soll wieder lernen, seine Energie aus Fett zu holen. Dazu müssen erst die Kohlenhydrat- und Zuckerspeicher im Körper geleert werden (deshalb der Entzug), damit die Ketose eintreten kann.
Die wegfallenden Energielieferanten Zucker und Kohlenhydrate werden durch sogenannte gute Fette ersetzt – und hier ist es wirklich enorm wichtig, auf gute Fette wie Kokosöl, Olivenöl oder MCT-Öle zu setzen. Es vergehen nochmals Monate, bis ich ernst mache, doch endlich bin ich soweit: die ersten Tage ernähre ich mich strikt nach den Vorgaben von Danis Migrevolution-Plan. Die Ketose lässt nicht lange auf sich warten und abgesehen von leichten Keto-Grippensymptomen (die Umstellung verursacht zum Teil grippeähnliche Symptome) geht es mir erstaunlich gut. Die größte Umstellung lag und liegt für mich eigentlich darin, dass ich nun vermehrt nur für mich allein koche, dass etwas Planung nötig ist und dass Gemüse halt eine längere Vorbereitungszeit braucht als schnell ein paar Nudeln in den Topf zu schmeißen! Aber ich erlebe es auch als bereichernd, mir wieder bewusster zu werden, was ich esse und dass ich mir Zeit für die Zubereitung meines Essens nehme.
Die ersten vier Wochen bin ich eisern: es gibt keine Ausnahmen! Erstaunlicherweise bereitet mir der Verzicht auf Pasta, Kartoffeln & Co. wenig Probleme. Aber der Duft frischen Brotes…! Am krassesten jedoch ist der Zucker-Entzug: im wahrsten Sinne des Wortes kein Zuckerschlecken, denn es gibt Momente, in denen würde ich alles – wirklich alles! – für ein Stückchen Schokolade tun! Inzwischen habe ich mich (mehr oder weniger) damit abgefunden, dass die Lust auf Süßes wahrscheinlich nie (ganz) verschwinden wird – wie bei einem ehemaligen Raucher ja auch die Lust auf eine Zigarette wohl nie ganz verschwinden wird (leider, leider…).
Doch trotz aller Schwierigkeiten ist das Ergebnis nach den ersten Monaten einfach unglaublich: ich bin so energiegeladen wie schon lange nicht mehr, ich verliere mühelos an Gewicht und ich habe einfach einen richtig klaren Kopf. Manchmal plagt mich zwar noch wahrscheinlich zyklusbedingte Migräne, aber die steht in keinem Vergleich mehr zu vorher. Ich fühle mich einfach – großartig!
Leider mache ich allerdings auch die Erfahrung, dass sich die Ketose rasch verflüchtigt, wenn ich allzu unvernünftig bin… ich sage nur: Ostern! Und deshalb heißt es jetzt wieder eisern: no sugar and strictly keto! Womit der leckere Schokokuchen auf dem Foto wieder ein (süßer) Traum wird. Aber was ist schon ein großartiges (anhaltendes) Gefühl im Vergleich zu einem Stück Schokokuchen?
Hier noch die weiterführenden Links der im Text erwähnten Personen:
Jean-Christoph von Oertzen: https://einfach-hochsensibel.de
Carena Barkawi: Die Grissini-Falle. Endlich ohne Migräne!: Heraus aus dem Schmerz mit der radikalen 21-Tage-Diät, https://www.stop-migraene.com
Dani Grund: www.migrevolution.de
#Worte_die_verzaubern
Ein Gedanke zu „Ein großartiges Gefühl (oder lieber ein Stück Schokokuchen?)“