Immer wenn der Frühling und damit mein Geburtstag naht, freue mich einerseits über das Wiedererwachen der Natur, andererseits werde ich aber auch immer von einer gewissen Traurigkeit und Unruhe befallen, die ich mir lange Zeit nicht erklären konnte. Dass der jüngere meiner beiden Brüder vier Tage nach meinem dreißigsten Geburtstag starb, machte es auch nicht einfacher, denn danach hatte ich noch viel weniger Lust, meinen Geburtstag zu feiern. Es hat lange gedauert, bis ich die Ursache für diese Gefühle gefunden habe und mich dazu entschließen konnte, darüber zu schreiben. Der Grund dafür liegt nämlich sehr viel weiter zurück und nahm seinen Anfang bereits Monate bevor ich überhaupt geboren wurde. Interessanterweise hat es mir sehr geholfen, darüber zu schreiben, ja, ich konnte ich mir diese Geschichte wirklich im wahrsten Sinne des Wortes von der Seele schreiben und was besonders schön ist: ich kann sogar meinem diesjährigen Geburtstag gelassen und sogar mit (etwas) Freude entgegen schauen. Aber ich greife vor…
Nicht immer ist die Ankunft eines Kindes ein freudiges Ereignis. Manchmal passt das Kleine so gar nicht (mehr) in die (Familien-)Planung und wirbelt die Familie deshalb schon vor der Geburt heftig durcheinander. Meine drei Geschwister sind schon alle schulpflichtig, als mein Vater eine interessante Gelegenheit für einen Karrieresprung erhält: er soll im Nahen Osten, in Beirut/Libanon eine Niederlassung der Großbank aufbauen, für die er arbeitet. Auch wenn das für die Familie eine riesige Umstellung bedeutet, unterstützt ihn meine Mutter bei diesem Vorhaben. Schließlich wurde der Libanon (damals) auch die Schweiz des Nahen Ostens genannt (diese Zeiten sind inzwischen leider längst vorbei). Meine Geschwister könnten in Beirut eine deutsche Schule besuchen, die Bank würde den kostspieligen Umzug bezahlen, eine Flugverbindung würde Ferienaufenthalte in der Schweiz ermöglichen, das (damals) christlich geprägte Land würde für meine Mutter (und meine Schwester) keine Einschränkungen bringen, im Winter gäbe es sogar die Möglichkeit, im Libanon-Gebirge Ski zu fahren (das ist für Schweizer nun mal wichtig!) und es wäre ganzjährig möglich, im Mittelmeer zu baden – das klingt doch verlockend, oder nicht? Und da die Familie damit rechnete, mindestens zehn Jahre im Libanon zu bleiben, erschien der Aufwand für Umgewöhnung und Umzug mehr als gerechtfertigt.
Doch dann geschieht etwas, womit niemand (mehr) gerechnet hat: meine Mutter wird ungewollt schwanger. Was nun? Die Familienplanung war für meine Eltern nach drei Kindern eigentlich längst abgeschlossen, kam doch mein zweiter Bruder (und drittes Kind) als absolutes Wunschkind zur richtigen Zeit und am richtigen Ort zur Welt und meine Geschwister zu diesem Zeitpunkt bereits zehn, neun und sechs Jahre alt. Was nun? Mein Vater will dieses Kind nicht, es passt überhaupt nicht in seine (Karriere-)Pläne. Die Familie könnte dadurch erst später als geplant in den Libanon übersiedeln und er müsste vorerst alleine dort leben. Doch meine Mutter ist entschlossen, dieses Kind zu bekommen, auch wenn sie dafür alleine mit meinen Geschwistern in der Schweiz zurückbleiben muss (sie wollte ihr Kind nicht in einem fremden Land unter unbekannten Umständen zur Welt bringen). Also zieht mein Vater fürs erste allein nach Beirut. An den Wochenenden fliegt er jeweils in die Schweiz. Meine Mutter kümmert sich derweil um meine Geschwister, denen der bevorstehende Umzug zu schaffen macht und organisiert die Möbelpacker.
Da ich offensichtlich auf mich warten lassen, beschließt mein Vater an einem schönen Frühlingssonntag, dass dieses Kind jetzt zur Welt zu kommen habe, weil er gerade wieder in der Schweiz ist. Und so wird meine Geburt schließlich künstlich eingeleitet und ich habe bis heute das Gefühl, am falschen Tag geboren worden zu sein! Und das obwohl ich dadurch ja ein sogenanntes „Sonntagskind“ geworden bin und diesen das Glück ja besonders hold sein soll… Immerhin kann die Familie jetzt endlich umziehen und das (neue) Familienglück scheint perfekt. Doch wer meinen Jahrgang und die damalige politische Lage im Nahen Osten kennt, weiß, dass das Glück nicht von Dauer sein wird…
#Worte_die_verzaubern
Solche Erlebnisse sind oft prägend, im Unterbewusstsein geschieht doch mehr, als man denkt.
Meine Töchter kamen auch früher auf die Welt, aber das, weil sie Frühgeburten waren. Beide sind sehr zufrieden mit ihrem jetzigen Geburtstag, wohl weil sie früher kommen WOLLTEN..
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