Lemma

(Dieser Beitrag gehört zur Serie „Sprache“. Hier geht es zum ersten erklärenden Beitrag „Sprache“ und zur Übersichtsseite mit allen Beiträgen.)

Erst wollte ich es mir nicht bestellen, dann hat meine Neugierde doch gesiegt und ich habe es doch in meiner Lieblingsbuchhandlung, der BuchEule in Kandern, über www.genialokal.de bestellt – das im Beitrag „Rechtschreibung“ erwähnte Buch „Neue Wörter im Duden von 1880 bis heute“ von Detlef Berghorn. Es beschreibt in sechsundzwanzig nach verschiedenen Themen gegliederten Kapiteln nicht nur, wann welches Wort in den Duden aufgenommen wurde (und wann welches Wort wieder aus dem Duden gestrichen wurde), sondern auch (für viele, aber nicht alle Begriffe), warum welche Wörter aufgenommen wurden.

Schon im Beitrag „Rechtschreibung“ habe ich eine Liste verschiedener Wörter veröffentlicht, bei denen ich es interessant fand, wann sie Eingang in den Duden gefunden haben.

Inzwischen habe ich mich durch die Lektüre von „Neue Wörter im Duden“ noch weiter in die Materie vertieft. Dabei habe ich das interessante Wort „Lemma“ (Mehrzahl „Lemmata“) entdeckt. Was sich so geheimnisvoll anhört, hat (leider) eine ganz profane Bedeutung: „Lemma“ heißt nämlich ganz einfach „Stichwort in einem Nachschlagewerk (Wörterbuch, Lexikon)“, wie der Duden Band 5 “Das Fremdwörterbuch“ schreibt. Die Wörter, welche (neu) in den Duden aufgenommen werden, sind also alles Lemmata.

Aber jetzt zu meinen Lieblingskapiteln:

Das Wort Nagellack – deshalb dieses Beitragsbild – kam im Jahr 1961 dazu. Das dazugehörige Kapitel „Bubikopf und Männerdutt“ ist höchst amüsant. Der Begriff „Vokuhila“, über den ich neulich geschrieben habe, wurde übrigens erst im Jahr 2020 in den Duden aufgenommen (obwohl eine Kultfrisur der Achtziger Jahre!), die Dauerwellen hingegen schon im Jahr 1934, der Lockenkopf sogar schon 1915. Auch wenn sich wirklich allerhand Begriffe – Lemmata (!) – aus der Modewelt im Duden tummeln, ist es doch interessant, welches Wort es (noch) nicht in den Duden geschafft hat, obwohl es im Jahr 2024 bei der Wahl zur Miss France für einen Skandal gesorgt hat: die Französin, welche zur Miss France gewählt wurde, trug nämlich – äußerst skandalös! – eine Kurzhaarfrisur, genauer einen Pixie Cut und löste damit einen Sturm der Entrüstung aus! Und das im Jahr 2024… sie war (und ist es wahrscheinlich immer noch) damals die erste Frau, die seit der Einführung dieses Schönheitswettbewerbes vor über hundert (!) Jahren eine Kurzhaarfrisur trug. Also ich finde, damit hätte das Wort „Pixie Cut“ – ich habe übrigens selber mal einen getragen – wirklich verdient, in den Duden aufgenommen zu werden, aber dafür ist das Wort wahrscheinlich einfach zu skandalös…!

Wer schon hungrig ist, sollte das Kapitel „Der Duden bittet zu Tisch“ erst lesen, wenn er etwas gegessen hat. Bereits im Jahr 1880 haben es folgende Wörter in den Duden geschafft: Lebkuchen, Mixed Pickles (!), Olivenöl, Roastbeef. Im Jahr 1902 kam Curry dazu und 1905 Gorgonzola und Rollmops. Interessant finde ich, dass erst im Jahr 1915 die Begriffe Hausmannskost, Joghurt, Keks, Schwarzbrot und Spätzle aufgenommen wurden. 1929 haben wir bereits angefangen Spaghetti zu essen, aber erst 1941 Bockwurst und Pommes Frites. Bismarckhering, Hackfleisch, Ketchup und Ravioli hingegen erst 1961 und erst 1980 Lasagne! Currywurst, aber auch Gyros, Tsatsiki und Hamburger dürfen wir erst ab 1986 offiziell essen… Und zeitgleich mit Döner, nämlich erst im Jahr 1996 (!)  hielt die Schwarzwälder Kirschtorte Einzug, dabei ist die doch hier bei uns im nahen Schwarzwald schon bestimmt seit über hundert Jahren eine Institution! Zum Abschluss dieses Absatzes noch ein paar Lemmata, die es erst im Jahr 2024 in den Duden geschafft haben (man glaubt es kaum): Astronautennahrung, Biskuitrolle, Buchstabensuppe (!), Ersatzprodukt, Fleischersatz, Gemüsekiste, Kochbox, Räuchertofu und noch ein paar Begriffe, bei denen ich keine Ahnung habe, was damit gemeint ist, außer dass es anscheinend etwas mit Essen zu tun hat…

Dem bei den Deutschen wohl beliebtesten Volkssport Fußball ist ebenfalls ein ganzes Kapitel gewidmet: „Fußballwörter von Mannschaft bis Videobeweis“. Auch wenn ich von Fußball nur keine bis sehr wenig Ahnung habe, fand ich es doch interessant, wann welche Begriffe in den Duden aufgenommen wurden. Als erste Wörter im Jahr 1880 waren es Mannschaft, Schiedsrichter, Stürmer und Tribüne. 1887 folgenden Sport und Mittellinie. Der „Trainer“ kam erst 1893 ins Spiel , die „Verlängerung“ im Jahr 1902. „Dribbeln“ und „kicken“ mit „Team“ und „Torwart“ war erst ab dem Jahr 1915 möglich. Und der „Anpfiff“ für „Fußballer“ und „Torhüter“ erfolgte erst im Jahr 1929, auch ab dann war erst ein „Foul“ möglich. Danach dauerte es über dreißig Jahre, nämlich bis 1961, bis die Begriffe Abpfiff, Abseits, Eigentor, Endspiel, Europameister, Fan, Linienrichter, Mittelstürmer, Schiri, Schlachtenbummler, Strafraum, Unparteiische und Elfmeter in den Duden aufgenommen wurden. Ab diesem Zeitpunkt kamen regelmäßig weitere Lemmata hinzu: 1967 zum Beispiel Achtelfinale, Bundesliga, Fußballweltmeisterschaft, Halbfinale, Kopfballtor, Länderspiel, Strafstoß und Viertelfinale; erst 1980 Bundestrainer und Platzverweis; 1986 Abseitsfalle, Elfmeterschießen, Europameisterschaft und Torfrau; 1991 dann doch auch noch die „Fußballspielerin“ (die Torfrau hat es ja schon früher geschafft), der „Außenverteidiger“ und auf der Tribüne der „Hooligan“ und die „La-ola-Welle“. Auch die weiteren Einträge lesen sich ein bisschen wie die Geschichte des deutschen Fußballs, denn 1996 wurde das Wort „Champions League“ aufgenommen, das „Golden Goal“ gibt es ab dem Jahr 2000, den „Ballbesitz“ interessanterweise erst ab 2006 (ebenso die „Nachspielzeit“ und den „Chancentod“). Im Jahr 2009 ging es fußballtechnisch auch nochmal hoch her: jetzt gibt es für den Fan von 1961, der sich im „WM-Fieber“ befindet, auch einen „Fanblock“, eine „Fankurve“ und eine „Fanmeile“ und sogar noch „Public Viewing“ für das „Sommermärchen“. Die vorerst letzten Lemmata haben es im Jahr 2020 in den Duden geschafft: Einlaufkind, Geisterspiel und Videobeweis.

Ebenfalls passend zu Deutschland – dem Autoland – ist das Kapitel „Von ADAC bis Zeppelin“. Die erste Ausgabe im Jahr 1880 enthielt bereits die Begriffe Pferd, Draisine, Fähre, Fußgänger, pilgern, wallfahren und wandern (neben anderen). 1887 kamen „Bicycle“ und „treideln“ hinzu. Bereits 1902 Automobil, Fahrrad und Ski! Und ab 1905 wurde „Lift“ gefahren. Ab 1915 war man mit Flugzeug, Kajak, Luxuszug, Motorrad, Rollstuhl oder Straßenbahn unterwegs. Im Jahr 1929 auch mit Rikscha oder Taxi, U-Boot oder Zeppelin… Die „Rolltreppe“ erleichtert ab 1934 unser Leben, ab 1941 ist der „Hubschrauber“ unterwegs und wir fahren „Volkswagen“. Seit 1954 können wir uns offiziell beim „ADAC“ versichern und „trampen“. Im Jahr 1961 wird der „Pendler“, der „Caravan“ und die „Raumfahrt“ aufgenommen. Ab 1967 gibt es „Oldtimer“, ab 1973 den „Käfer“, den „Autoskooter“ und das „UFO“ und wir können im Urlaub eine „Kreuzfahrt“ machen, um uns von der „Rush-hour“ im Alltag zu erholen. Im „Stau“ stehen wir erst ab 1980, dem entfliehen können wir (in den Ferien) mit der „Interrailkarte“ oder beim „Jogging“ oder wir klauen uns den „Kettcar“ unseres Kleinen. Das Fortbewegungsmittel des hohen Nordens – der „Hundeschlitten“ – kommt erst im Jahr 1986 dazu.  Um etwas gegen den Stau zu unternehmen, können wir ab 1991 eine „Fahrgemeinschaft“ bilden oder mit dem „ICE“ fahren – oder dem „Trabbi“… In meinen Augen reichlich spät, nämlich erst 1996 schaffen es die beiden sperrigen Abkürzungen „ÖPNV“ (öffentlicher Personennahverkehr) und „ADFC“ (Allgemeiner deutscher Fahrrad-Club) in den Duden. Im 2000 folgen „Hochgeschwindigkeitszug“ (der ICE war da einiges schneller, siehe oben!) und das „Carsharing“. Dann wird es immer skurriler… im Jahr 2004 schaffen es das „Liegerad“, die „Stretchlimousine“ (wer braucht denn sowas?!), der „Rollator“ und der (oder das) „SUV“ (sport utility vehicle) in den Duden. Seit 2006 fahren wir nicht mehr in die Irre, sondern haben ein „Navi“ und ab 2009 sind wir umweltfreundlich im „Hybridauto“ unterwegs. Auch neue „Moden“ finden (leider!) Eingang in den Duden, so 2013 das „E-Bike“ und der „Segway“ – oder im Jahr 2020 das „Lastenrad“ und – mein persönliches Hassobjekt – der „E-Scooter“/“E-Roller“ (nachdem ich neulich als Fußgängerin – ich weiß leider nicht, wann die weibliche Form von Fußgänger in den Duden aufgenommen wurde – fast von einem dieser E-Scooter umgenietet wurde, habe ich dafür wirklich gar nichts mehr übrig und im Straßenverkehr finde ich sie einfach saumäßig gefährlich).

Mein Lieblingskapitel kommt leider erst ganz zum Schluss: „Lemmata mit Migrationshintergrund“. Mein Lieblingskapitel (mit einem Augenzwinkern) deshalb,weil ich ja selber immer witzle, eine Deutsche mit Migrationshintergrund zu sein, schließlich bin ich – mit Schweizer Pass – in der Schweiz geboren und aufgewachsen, erst mit Ende Zwanzig nach Deutschland eingewandert – und seit ich im Besitz einer doppelten Staatsbürgerschaft bin, eben eine Deutsche mit Migrationshintergrund. Aber zurück zu den Lemmata, um die es ja hier geht: im Jahr 1880 wurde eine ganze Reihe von Wörtern aufgenommen, die einen „Migrationshintergrund“ haben. Während die meisten wissen werden, dass das „Abonnement“ aus dem Französischen kommt, muss ich bei den meisten anderen Wörtern passen… oder wer hat gewusst, dass die „Pistole“ tschechisch ist, das „Sofa“ arabisch oder der „Ingwer“ sanskritisch? Ich jedenfalls nicht! Der „Kiosk“ ist übrigens persisch und der „Säbel“ ungarisch-polnisch. Das „Juwel“ niederländisch, der „Flamingo“ spanisch und die „Giraffe“ arabisch. Noch ein paar weitere Beispiele gefällig? Notabene immer noch aus dem Jahr 1880 haben wir den „Spinat“ (persisch-arabisch), „tättowieren“ (tahitisch), der „Tolpatsch“ (ungarisch), der „Tornister“ (slawisch) und die „Tulpe (persisch). Weiter geht es im Jahr 1887 mit der „Jause“ – slowenisch! „Ski“ (1902) – dänisch! Die Adjektive „halogen“ (griechisch) und „tabu“ (polynesisch) folgen 1915. Ab dem Jahr 1967 können wir auf der „Loipe“ langlaufen, das verdanken wir den Norwegen. Und – endlich! – kommt auch ein Wort aus meiner Heimat: seit 1973 dürfen auch die Deutschen „Müesli“ essen – wie schön…! Wer (sich) gerne (an)malt, lernt jetzt hier, dass „Acryl“ (1986) aus dem Griechischen kommt und „Kajal“ (1991) sanskritisch ist. Lustig ist, dass das Wort „Schmackofatz“, über das ich hier im Blog auch schon geschrieben habe, aus dem Polnischen stammt (es steht seit dem Jahr 2013 im Duden). Die Bezeichnung für die – mehr oder weniger lustigen – Gsichtli, Hände und anderen Gestalten auf der Handytastatur, also die sogenannten „Emoji“, verdanken wir übrigens den Japanern… also zumindest die Bezeichnung dazu, die seit 2017 im Duden zu finden ist. 2024 wurden aus dem Japanischen übrigens noch die Lemmata „Kanban“ und „Onsen-Ei“ aufgenommen, bei denen ich allerdings keine Ahnung habe, was sie bedeuten… da bleibe ich doch lieber bei meinem „Müesli“!

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11 Gedanken zu „Lemma“

  1. Du hättest ‚Linguistik‘ studieren sollen. Ist genau dein Ding und der obige Text wäre schon die erste Seminararbeit. Das gibt einen Schein und drei Scheine reichen im Proseminar. Dann noch zwei Jahre Hauptseminar und der ‚Germanist‘ ist fertig. So wars bei uns früher. Heute ist das alles etwas anders, aber es wird auch nur mit Wasser gekocht bzw. mit Worten geschrieben .. Gruß, Sven 🙂

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    1. Ja, wer weiß was passiert wäre, wenn ich Linguistik studiert (statt Betriebswirtschaft)… vielleicht wäre mir das Schreiben so verleidet, dass es diesen Blog gar nicht geben würde, wer weiß? So kann ich heute jedenfalls völlig unbelastet drauf los schreiben, ganz ohne den Druck, einer Linguistin gerecht werden zu müssen. Das finde ich sehr befreiend. 😊

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