(Dieser Beitrag gehört zur Serie „Berührende Bücher“. Hier geht es zum erklärenden Beitrag „Noch mehr berührende Bücher“ und zur Übersichtsseite mit allen Beiträgen.)
Manchmal sind die Bücher, die einem ganz unverhofft in die Hände gelangen, die spannendsten, die man seit langem gelesen hat. So erging es mir mit dem Buch „Die Farbe von Kristall“ von Nikola Hahn. Wir waren für ein Wochenende nach Norddeutschland gefahren und haben dann spontan beschlossen, nicht – wie ursprünglich geplant – in einem Tag nach Hause zu fahren, sondern unterwegs zu übernachten. Da wir ja nicht nur gerne lesen, sondern (seit ein paar Monaten) auch gerne Schallplatten hören (siehe dazu meine Serie „Vinyl-Freude“), beschlossen wir, in Frankfurt-Bornheim Station zu machen, denn dort wurde uns ein Plattenladen empfohlen. Auf dem Weg vom Hotel zum Plattenladen kommen wir an einem Bücherschrank vorbei, den wir aber vorerst nicht weiter beachten, denn eigentlich haben wir genug Lesestoff und wir wollen ja Platten kaufen… doch auf dem Rückweg vom Abendessen kommen wir nochmal daran vorbei und dann kann ich es doch nicht lassen… und siehe da, ich finde einen historischen Krimi, der um 1900 in Frankfurt angesiedelt ist (es geht um einen Mordfall, der wirklich geschehen ist) und obwohl ich eigentlich bei historischen Romanen (und Krimis) immer etwas zurückhaltend bin (siehe dazu den Beitrag „Wo Geschichte lebendig wird“), fasziniert mich das Buch trotzdem, denn es ist wie eine (schöne) Erinnerung an unseren Kurzaufenthalt in Frankfurt-Bornheim – und ist außerdem auch vom Äußeren her (trotz Taschenbuchausgabe) ganz nach meinem Geschmack: ein historisches Bild auf der Titelseite und schön dick… da habe ich wieder eine Weile genug zu lesen, denke ich! Doch das Buch ist so spannend, dass ich schon nach wenigen Tagen damit fertig bin und im Internet nach weiteren Bücher derselben Autorin suche. Tatsächlich gibt noch einen ersten Band mit dem Titel „Die Detektivin“, wobei die beiden Bücher auch unabhängig voneinander gelesen werden können.
Über die Handlung möchte ich gar nicht zu viel verraten, sondern diese hier nur grob skizzieren:
Im ersten Buch „Die Detektivin“ geht es darum, dass ausgerechnet ein Berliner Kriminalbeamte („ein Preusse“) sich mit dem Verschwinden eines Frankfurter Dienstmädchens beschäftigen muss – was die Frankfurter Bürger gar nicht schätzen und sich deshalb bei den Befragungen entsprechend zugeknöpft geben. Zu Beginnn gehen sowieso alle noch davon aus, dass das Dienstmädchen ganz einfach weggelaufen ist, weil es ein Orangenbäumchen seiner Dienstherrin in der Orangerie, die alle nur das „Glashaus2 nennen, beschädigt hat – alle, außer Victoria, die Nichte der Dienstherrin… sie ist überzeugt, dass dem Dienstmädchen etwas passiert ist und begibt sich deshalb auch gleich auf Spurensuche. Durch das Lesen (verbotener) Kriminalgeschichten ist sie durchaus in der Lage dazu und zieht die entsprechenden Schlüsse. Doch der Kriminalbeamte Richard Biddling ist erst zurückhaltend, bis eine Leiche auftaucht… (im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich im Main). Dann aber ist er felstenfest davon überzeugt, dass es bei dem Mörder um den nie gefassten Stadtwaldwürger handelt, der vor Jahren zwei junge (hübsche) Mädchen umgebracht haben soll… sein Untergebener Heiner Braun versucht zwar, Vernunft walten zu lassen, aber vergeblich… nach vielen Verstrickungen und Überraschungen kommt die Geschichte dann zu ihrem (überraschenden?) Ende. (Übrigens war Victoria schon ein aufgewecktes Kind und hat sich für Rätsel begeistert: Sie hat zum Beispiel das Satz-Palindrom: „Die Liebe ist Sieger – Rege ist sie bei Leid“ herausgefunden. Wer wissen möchte, was ein Palindrom ist, kann das im Beitrag „Palindrom“ nachlesen.)
Auch im Buch „Die Farbe von Kristall“ sind wir wieder mit dem Kriminalbeamten Richard Biddling und seinem äussert unkonventionellen Untergebenen Heiner Braun unterwegs – obwohl Heiner Braun gleich zu Beginn des Buches in Rente geht, bleibt er für Biddling ein wichtiger Gesprächspartner. Eine weitere wichtige Figur in der Geschichte ist die Polizeiassistentin Laura aus Berlin. Frauen waren zu jener Zeit in diesem Beruf absolut die Ausnahme – Laura ist die einzige Frau, die bei der Frankfurter Polizei arbeitet – und deshalb nicht unbedingt gern gesehen. In diesem Buch muss Biddling den Mord am beliebten und in Frankfurt allseits bekannten Klavierhändler Lichtenstein aufgeklären. Dieser Mord ist tatsächlich im Jahr 1904 in Frankfurt geschehen und deshalb beginnt jedes Kapitel mit einem wirklich erschienene Atikel aus der „Frankfurter Zeitung und Handelsblatt“, manchmal ergänzt durch eines oder mehrere (seltsame) Inserate. Das Buch zeichnet sich einmal mehr dadurch aus, dass wir auf detaillierte, aber verständliche Weise erfahren, wie damals Kriminalfälle bearbeitet wurden und welche Aufklärungsmethoden zur Verfügung standen (die hervorragenden Kenntnisse dazu hat die Autorin Nikola Hahn von ihrer eigenen Laufbahn bei der Kriminalpolizei, wer mehr dazu wissen will: wiki/Nikola_Hahn, zuletzt abgerufen am 14. April 2025). Alles in allem entsteht so nicht nur ein interessanter Einblick in die Arbeit der damaligen Kriminalpolizei, sondern auch in das Leben der höheren Gesellschaft und des einfachen Volkes in Frankfurt – insbesondere (oder vor allem auch?) in die Abgründe der verschiedenen Gesellschaftsschichten… Mehr darf ich hier allerdings nicht verraten, mein Mann ist nämlich gerade dabei, diesen Band zu lesen. Aber ich garantiere Euch hochgradige Spannung über mehrere hundert Seiten hinweg – ich wollte das Buch gar nicht mehr weglegen, nachdem ich einmal damit angefangen hatte….!
P.S. Wer sich für weitere historische Krimis interessiert: im Beitrag „Mutige Frauen im Mittelalter“ beschreibe ich drei Reihen von Krimis, die im Mittelalter spielen.
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Nikola Hahn ist mir ein Begriff, denn sie ist tatsächlich bei der offenbacher Polizei bzw. war es, denn sie ist wohl zwischenzeitlich in Rente. Ihr erstes Buch hat sie im Selbstverlag herausgebracht, aber wurde dann von einem ‚richtigen‘ Verlag übernommen. Ich war mal Mitglied bei der Igda (Interessengemeinschaft deutschsprachiger Autoren) und da gehörte sie zur Lektorenriege.
Ich hatte in jeder Monatsausgabe ein Gedicht veröffentlicht und das hat einigen alteingesessenen Mitgliedern nicht gepasst und es kam zum Streit. So hat sie und ihre Kollegin Roswitha Bartl die Führung dort niedergelegt.
Eine Powerfrau auf jeden Fall. Leider hat sich unsere Verbindung irgendwann verloren und ich weiß nicht, ob sie weiterhin dran geblieben ist mit dem literarischen Schreiben.
Ich weiß nur noch in einem ihrer Romane ging es gleich zu Anfang um ein gekochtes Ei, das nicht ganz durch war. Ist schon lange her. Die Zeit rennt ja immer schneller mit dem Alter ..
Ich wünsch dir und Männe ein beschauliches WE und vielleicht bei einem Glas Wein ein ebenso beschauliches Musikstück, zumal eure Musikanlage nichts zu wünschen übrig lässt. Sie ließe sich nur noch in fast unhörbaren Details verbessern, wo jeder Sprung eine Menge Geld kostet. Das braucht keiner.
Alles Liebe, Sven ❤️
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Ja, das fand ich eben genau deshalb so spannend, dass sie selber bei der Polizei war und darüber geschrieben hat und dass ich den Roman in einem Bücherschrank in Frankfurt-Bornheim gefunden habe und Bornheim ja auch im Roman vorkommt: lauter interessante „Zufälle“ (wobei ich eben nicht an Zufälle glaube).
Dir auch von Herzen ein schönes Wochenende, hoffentlich auch mit soviel Sonne wie bei uns, und sonst trägst Du sie ja vielleicht im Herzen? Liebe Grüße Nicole
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Bornheim ist sowieso mein Lieblingsort in Frankfurt und ja, Sonne trag ich stets im Herzen ..
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