(Dieser Beitrag gehört zur Serie „Berührende Bücher“. Hier geht es zum erklärenden Beitrag „Noch mehr berührende Bücher“ und zur Übersichtsseite mit allen Beiträgen.)
Neulich ist mir in einem Bücherschrank auf einem dicken Taschenbuch der goldene Schriftzug „Dallmayr“ aufgefallen und ich habe mir das Buch gleich aus dem Schrank geholt – und tatsächlich: die Autorin Lisa Graf hat sich mit der Dallmayr-Trilogie einer besonderen (deutschen) Familien- und Geschäftsgeschichte angenommen. Ich habe natürlich beim Wort „Dallmayr“ zuerst an Kaffee gedacht (ich trinke tatsächlich Dallmayr prodomo), dann beim Lesen aber festgestellt, dass es sich bei Dallmayr etwa bis zum zweiten Weltkrieg um weit mehr als „nur“ eine Kaffeemarke gehandelt hat, nämlich um ein Delikatess-Geschäft, später sogar ein ganzes Delikatess-Warenhaus, das zum Beispiel die ersten Bananen nach München – oder sogar nach Deutschland? (da bin ich mir leider nicht mehr ganz sicher) – geholt hat. Erst in den 1930er-Jahren hat Dallmayr dann angefangen, in der eigens dafür eingerichteten Rösterei eigene Kaffeemischungen herzustellen.
Noch während ich am Lesen des ersten Bandes „Dallmayr – Der Traum vom schönen Leben“ bin, bestelle ich in der BuchEule Kandern den zweiten Band „Dallmayr – Der Glanz einer neuen Ära“. Den dritten Band „Dallmayr – Das Erbe einer Dynastie“, wollte ich nicht bestellen, weil mich das Thema „Zweiter Weltkrieg“ immer etwas abschreckt (der dritte Band beginnt 1933 und endet nach dem Kriegsende). Doch als ich dann in der Buchhandlung stehe, um meine bestellten Bücher abzuholen und ich dort den dritten Band sehe, kann ich dann doch nicht widerstehen und nehme ihn trotz meiner Bedenken mit. Zum Glück! Denn nachdem ich nun alle drei Bände gelesen habe, fand ich den dritten fast am interessantesten.
Aber vielleicht der Reihe nach: In Band 1 „Dallmayr – Der Traum vom schönen Leben“ (erschienen 2021) lernen wir Anton und Therese Randlkofer kennen. Sie haben Alois Dallmayr das Geschäft abgekauft, den Namen aber behalten und bauen das Delikatess-Geschäft ständig aus. Als Anton Randlkofer stirbt, übernimmt Therese die Leitung des Geschäfts, was zur damaligen Zeit sehr ungewöhnlich ist. Sie zieht damit nicht nur den Unmut anderer Geschäftsleute auf sich, sondern besonders auch den Neid ihres Schwagers Max Randlkofer, dem Bruder von Anton Randlkofer. Er hatte sich als Erbe eine Teilhabe am erfolgreichen Geschäft erhofft, aus der nun nichts wird und versucht deshalb, ihr nun wo immer möglich zu schaden. Glücklicherweise besitzt auch Therese einflussreiche Freunde, die sie in ihrem Bestreben unterstützen, als alleinstehende Frau ein Geschäft zu führen.
Im 2. Band „Dallmayr – Der Glanz einer neuen Ära“ (erschienen 2022) läuft einem nicht nur dauernd das Wasser im Mund zusammen, weil ständig von irgendwelchen leckeren Sachen in der Auslage bei Dallmayr berichtet wird, sondern wir erleben auch die Herausforderungen mit, die Therese als erfolgreiche Geschäftsfrau zu meistern hat. Als der Lieferant der Martinsgänse ausfällt, kauft sie einen Gutshof außerhalb von München, um fortan selber Geflügel zu züchten. Als erster Gutshof „im Moos“ wird der Hof mit Strom versorgt, der aus dem eigenen Wasserkraftwerk kommt. Hermann, der älteste Sohn von Therese, kümmert sich fortan mit seiner Frau Sonja um den Hof. Sonja stammt von den kanarischen Inseln – Hermann hat sie auf seiner ersten offiziellen Geschäftsreise (im ersten Band) kennengelernt. Der jüngere Sohn Paul kümmert sich derweil mit Therese um das Geschäft in der Dienerstraße in München. Therese hat aber auch nach dem Erwerb des Gutshofs weiterhin große Pläne für das Geschäft… Wir erleben die erste Landung eines Zeppelins mit und lernen Pauls große Liebe kennen. Interessant ist auch, dass Ludwig, ein ehemaliger Lehrling des Dallmayr, der inzwischen in Südfrankreich eine Chocolaterie betreibt, dort eine Maschine namens „Conche“ verwendet, die der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt erfunden hat (so steht es noch heute auf jeder Tafel Schokolade von Lindt).
Im 3. Band „Dallmayr – Das Erbe einer Dynastie“ (erschienen 2023) entführt uns das erste Kapitel nach Bremen, wo Paul mit seiner Frau Lotte die Firmen Kaffee Hag und Kaba von Ludwig Roselius besucht. Roselius ist es als erstem gelungen, koffeinfreien Kaffee herzustellen. Noch heute ist „Kaffee Hag“ in Deutschland die allgemeingültige Bezeichnung für koffeinfreien Kaffee. Kaba ist die Abkürzung von „Kakao-Bananen“-Getränk und wird heute ebenfalls als Synonym für Kakaogetränk verwendet. Ludwig Roselius hat nicht nur mit verschiedenen Bauten in der Böttcherstraße das Stadtbild von Bremen geprägt (sie stehen heute unter Denkmalschutz), sondern er war auch ein herausragender Marketing-Experte, lange bevor dieser Ausdruck überhaupt verwendet wurde. Er hat sowohl für Kaffee Hag als auch für Kaba Werbeslogans und ein eigenes Markenzeichen kreiert. Inspiriert durch den Besuch in Bremen, richten Paul und Lotte eine eigene Kaffeerösterei ein und schon bald sind die Kunden begeistert von den verschiedenen Mischungen, für die sich Lotte einprägsame und aussagekräftige Namen ausdenkt. Doch der zweite Weltkrieg bringt die Kaffeeproduktion zum Erliegen und stürzt Europa ins Chaos. Was einst Delikatesse war, ist plötzlich verbotene ausländische Ware. Doch Dallmayr übersteht auch diesen Schicksalsschlag. Das Geschäft wird wieder aufgebaut und befindet sich noch heute an der Dienerstraße in München.
Was mich an den Büchern besonders fasziniert hat, ist die Leichtigkeit, mit der sie geschrieben sind. Auf unterhaltsame, aber nicht oberflächliche Art und Weise können wir die Aufbau- und Glanzzeit des Hauses Dallmayr miterleben. Ich habe immer wieder gestaunt, wie hier Geschäftsbeziehungen nicht nur in Europa, sondern der ganzen Welt mittels Brief und Telegramm (selten Telefon) gepflegt wurden und es trotz der einfachen Mittel möglich war, (exotische) Waren auf der ganzen Welt einzukaufen, um sie dann – möglichst unversehrt – per Schiff und Zug nach München zu transportieren. Welch ein Gegensatz zu heute! Auch interessant fand ich die Ausführungen zu den Frauen in der Geschäftswelt und der Gesellschaft – und überhaupt ganz allgemein die geschichtlichen Hintergründe und ihre Auswirkungen auf Familie, Geschäft und das ganze Leben. Alles in allem also eine interessante und spannenden Lektüre – und das nicht nur für Kaffeeliebhaber!
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Ein Gedanke zu „Der Duft von Kaffee“