Was der angekündigte Besuch eines Freundes auslösen kann… und wie hilfreich es sein kann, wenn uns das Leben manchmal Situationen schenkt, in denen wir gar nicht anders können als uns zu überwinden, allen Mut zusammen zu nehmen und vorwärts zu gehen – und wie glücklich wir dann hinterher sein können.
So war es auch bei dieser Geschichte, die sich im vergangenen Jahr im Frühsommer zugetragen hat:
Schon seit Tagen war ich aufgeregt. Obwohl der Grund dafür nicht unbedingt der Rede wert wäre, ist er es für mich schon. Wir erwarten nämlich Besuch von Raphael*, unserem besten Freund (und Motorradfahrer), den wir aufgrund der momentanen Situation schon länger nicht mehr gesehen hatten. Wir wollen gemütlich bei uns im Garten zusammensitzen und grillen und uns endlich wieder einmal persönlich unterhalten – und dann… ja, und dann vielleicht gemeinsam eine Runde Motorrad fahren. Bisher war ich bei ihm nur als Sozia mitgefahren, aber inzwischen hatte ich ja nun nicht nur meinen Motorradführerschein gemacht, sondern ich hatte auch meine (heiß) geliebte Lady.
Und auch wenn ich inzwischen schon mit anderen Motorradfahrern unterwegs gewesen war, so war ich heute doch besonders aufgeregt. Bisher war ich bei solchen Touren immer hinterher gefahren, da die Kollegen, mit denen ich unterwegs war, sich in der Gegend auskennen und viel erfahrener sind (und meist auch stärker motorisiert). Ich hatte deshalb nie den Mut aufgebracht, die „Führung“ zu übernehmen. Ich, die Anfängerin mit einer Maschine mit gerade mal 55 PS sollte vorausfahren, den Weg vorgeben und die Geschwindigkeit? Das konnte ich mir so gar nicht vorstellen, denn die Maschine des einen Kollegen, mit dem ich ab und zu unterwegs war, hatte sage und schreibe 185 (!) PS (aber er wollte unbedingt mit mir fahren gehen, was auch – entgegen meinen Befürchtungen – ganz gut funktioniert hat) und der andere Kollege, mit dem ich öfter unterwegs war, war mein ehemaliger Fahrlehrer… da konnte ich mir noch viel weniger vorstellen, die Führung zu übernehmen! Ich war es ja gewohnt, nach seiner „Ansage“ zu fahren, auch wenn er mich nach der Prüfung bei den gemeinsamen Touren zwischendurch ermuntert hat, voraus zu fahren.
Doch bei Raphael* würde das anders sein: da er nicht in der Region wohnte, kannte er sich in unserer direkten Umgebung nicht wirklich aus. Als Sozia hatte ich ja noch, wenn nötig mit Handzeichen den Weg weisen können – hinterherfahrend auf dem Motorrad würde das nicht mehr gehen! Und mir war klar, dass ich diesmal nicht ums Voraus fahren kommen würde, auch wenn Raphael*schon seit über dreißig Jahre Motorrad fährt und seine große Reise-BMW bedeutend mehr Leistung auf die Straße bringt als meine (zierliche) Lady. Und davor hatte ich einen Heidenrespekt! Was, wenn er fand, dass ich viel zu langsam fuhr? Wenn ihm die Strecke nicht gefällt? Und so weiter und so fort… was habe ich mir alles für Gedanken gemacht, bevor er auch nur da war!
Denn wenn das Wetter nicht mitspielen würde, hätte ich mich sowieso ganz umsonst „aufgeregt“, dann würde er nämlich gar nicht mit dem Motorrad kommen. Und zwischendurch habe ich manchmal sogar vor lauter Angst gehofft, dass er gar nicht mit dem Motorrad kommt (er fährt seit einer Weile auch ein schickes Cabrio) oder dass er nach über hundert Kilometer Anfahrtsweg (und das dann ja auch wieder zurück) gar keine Lust hatte, eine Runde mit mir zu fahren – aber tief in meinem Innern wusste ich ganz genau, dass es an der Zeit war, über diesen Schatten zu springen und mir das Schicksal dies auch nicht ersparen würde – und das war auch ganz gut so!
Rückblickend weiß ich selber nicht mehr so recht, warum ich so ein Drama drum gemacht habe. Weil es mir an Selbstbewusstsein fehlt? Weil ich mich lieber anpasse, als den Ton angebe? Weil ich Angst davor habe, den Erwartungen der anderen nicht gerecht zu werden?
Denn nach einem gemütlichen Mittagessen auf unserer Terrasse und ausführlichen Gesprächen brechen wir am späten Nachmittag gemeinsam auf. (Raphael* würde dann direkt von unterwegs nach Hause fahren.) Wenn ich so zurückdenke, dann glaube ich, dass er ziemlich genau wusste, was in mir vorging, schließlich kennen wir uns schon lange. Und da wir ja auch schon zusammen auf seinem Motorrad unterwegs waren, hatte ich nicht wirklich Zweifel daran, dass wir unterwegs zusammen klarkommen würden (und er glaub auch nicht), das waren mehr irgendwelche alten und unerlösten Anteile in mir oder wie man das immer nennen mag.
Da es schon recht spät ist, wird es nur eine kleine Runde. Zu Beginn bin ich noch etwas nervös, aber wie so meist, wenn ich dann auf meinem Motorrad sitze, bin ich so im Moment und so beim Fahren, dass ich alles andere vergesse. Die Fahrt ist erst unspektakulär, die Sonne scheint und nach einer Weile halte ich in einem kleinen Ort vor der Kirche an, um „hinten“ nachzufragen, ob alles ok ist? Alles bestens. Dann geht es auf eines meiner absoluten Lieblingssträßchen, die (fast geheime?) Verbindung zwischen zwei kleinen Orten über einen kleinen Pass, das sogenannte „Bückle“. Erst durch ein liebliches Tal mit Wiesen und einem munter sprudelnden Bach, und mit unglaublichem Weitblick auf einen Schwarzwaldgipfel. Darüber spannt sich ein wolkenloser blauer Himmel, der die rotweiße Bemalung des Sendeturms auf dem Gipfel regelrecht leuchten lässt. Und ich frage mich, ob ich das jemals schon so klar wahrgenommen habe wie gerade eben. Weiter geht es auf einem schmalen Sträßchen an Kuhweiden entlang und durch den Wald, bis wir das „Bückle“ – den höchsten Punkt der Tour – erreichen. Und schwupps, schon geht es auf der anderen Seite durch ein wildromantisches Tal hinunter, der Bach unter den hohen Bäumen wird von filigranen, sattgrünen Farnwedeln gesäumt.
Auf dem nächsten Parkplatz halte ich an, damit ich mich von Raphael* verabschieden kann, denn von hier würde es sich für ihn anbieten, nach Hause – gegen Norden – zu fahren, während es für mich wieder südwärts gehen würde.
Was gibt es noch zu erzählen? Tja, Raphael* ist unglaublich begeistert von der Routenwahl: „Dieses Tal, diese Aussicht, diese kleinen Sträßchen, ich habe regelrecht Gänsehaut bekommen beim Fahren!“ schwärmt er. „Und diese schöne Abwechslung zwischen größeren Straßen und kleinen Sträßchen… genau wie auf meiner Hausstrecke, die müssen wir unbedingt mal zusammen fahren, wenn Du mit dem Motorrad zu mir kommst!“ begeistert er sich weiter. Und auch in Sachen Tempo und Fahrweise hat er sich hundertprozentig wohlgefühlt, auf den größeren Straßen darf es ruhig mal schneller sein (natürlich nicht zu schnell!), in Kurven und auf schmalen Sträßchen aber gerne umsichtiger. Er hat mich sogar für mein Kurvenfahren gelobt! Ich kann gar nicht mehr aufhören mit Strahlen, so sehr freue ich mich, dass alles gut gegangen ist.
Ganz beseelt fahre ich nach Hause und bin ich gespannt, wann ich mich wieder traue, volle Fahrt voraus zu fahren.
P.S Natürlich frage ich mich – einmal mehr – warum ich mich manchmal so schwer tue, über meinen Schatten zu springen und etwas zu wagen; warum etwas, was für andere ganz einfach scheint, für mich eine so große Herausforderung sein kann; aber das würde diesen Beitrag sprengen. Vielleicht schreibe ich dazu später einmal mehr?
*Name geändert
#nicolettasamira #Worte_die_verzaubern
Liebe Nicole,
danke fürs Teilen. Ich freue mich so für dich und mit dir 😊💓 Ich bin immer wieder begeistert, wie lebendig du schreibst. Du hast mich richtiggehend (bzw. -fahrend😉) auf deine Tour (sowohl die äußere als auch die emotionale) mitgenommen.
Ich wünsche dir ein schönes Wochenende und sende ❤️-ensgrüße
Karen
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Liebe Karen, vielen lieben Dank für Deine Worte! Wie schön, dass Du Dich davon hast berühren lassen 🙂 Herzensgrüße von Nicole (Nicoletta)
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