Manchmal nimmt das Leben eine überraschende Wendung. Und oft genug ist der Anstoß dazu nicht unbedingt angenehm, sondern ärgert einem viel mehr oder macht einem sogar wütend. In „Segensreiche Hilfe“ habe ich bereits einmal über eine solche Wendung geschrieben und kürzlich ist mir beim Bogenschießen bewusst geworden, dass mein – in Bezug auf das Bogenschießen – neu gewonnene Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen wahrscheinlich auch nur deshalb wachsen konnte, weil mich die Bemerkung eines Fahrlehrers im Theorieunterricht gefuchst hat.
Für den Motorradführerschein musste ich ja vier Mal den Motorrad-Theorieunterricht besuchen. Dass ich immer die Älteste war, hat mich nie wirklich gewundert, auch nicht, dass meist auch nur zwei bis drei andere Frauen anwesend waren. Dass aber der eine Fahrlehrer – zum Glück nicht der, bei dem ich später Fahrstunde hatte – einmal in einer Stunde herablassend seinen Blick über die Runde der Fahrschüler hat schweifen lassen und dann gesagt hat: „Also die Damen hier in der Runde müssen über die Wintermonate schon noch ihr linkes Handgelenk trainieren, sonst haben sie dann nicht genug Kraft, um die Kupplung zu bedienen!“ (Der Kupplungshebel befindet sich am Motorradlenker links.) Das war doch nun wirklich die Höhe! Nicht nur, dass dieser Fahrlehrer jedes Mal, wenn er mich gesehen hat (sei es im Theorieunterricht oder später dann in den Fahrstunden), die Geschichte einer älteren Dame erzählt hat, die bei ihm Motorradfahren lernen wollte (und das natürlich schiefging), da machte er auch noch einen auf „dicke Hose“! Denn wenn ich mir die jungen Herren in der Runde so anschaute, dann sahen einige davon nicht so aus, als würden sie regelmäßig ins Fitnessstudio gehen oder sonst irgendwie Sport treiben… und somit wohl auch nicht über die „schlagkräftige“ linke Hand verfügen!
Aber wie es manchmal eben so ist… für mich war es der Anstoß, etwas zu tun, was ich schon lange ausprobieren wollte: nämlich mit einem Linkshänder-Bogen zu schießen. Da man diesen in der rechten Hand hält und mit der linken Hand an der Sehne zieht, war das ideal, um die linke Hand zu stärken. Außerdem versprach ich mir einen allgemeinen Ausgleich zwischen rechts und links, wenn ich abwechseln würde, aber bisher hatte ich es einfach ein bisschen übertrieben gefunden, zwei Bögen zu haben (ich hatte ja schon meinen Rechtshand-Langbogen), auch wenn ich (natürlich) den Linkshand-Bogen erst einmal mieten würde. Nun hatte ich ja aber einen „Anlass“ dazu und da ich meine gesamte übrige Ausrüstung (Köcher, Pfeile, Arm- und Fingerschutz) auch für die linke Seite verwenden konnte und die halbjährige Bogenmiete auch erschwinglich war, machte ich also den Versuch. Am Anfang klappte es überhaupt nicht. Es war so ungewohnt, mit der linken Hand eine exakte und wohldosierte Bewegung zu machen! Dementsprechend landeten die Pfeile nur mit viel Glück auf der Scheibe, öfter aber daneben im Holz. Nachdem ich es dann auch noch geschafft hatte, mir zwei Mal die Brille – glücklicherweise „nur“ meine Sportbrille aus Kunststoff – von der Nase zu schießen, gab ich es wieder auf – aber insgeheim ärgerte es mich…
Als dann mein Mann ein paar Wochen später anfing, einem Motorrad-Kollegen von mir in unserem Garten das Bogenschießen beizubringen, startete ich einen neuen Versuch. Denn wenn der Kollege zum Üben zu uns kam, schoss er auf zehn Meter – die normale Anfängerdistanz – und da konnte ich ja nicht gleichzeitig mit meinem Langbogen auf eine längere Distanz schießen. So haben wir gemeinsam geübt und uns auch immer wieder Mut gemacht. Und siehe da: plötzlich hatte ich den Dreh raus und es fühlte sich gar nicht mehr seltsam an, im Gegenteil: innerhalb weniger Wochen schoss ich mit dem (klobigen) Leihbogen weit besser als mit meinem eigenen, leichten und schmalen Langbogen, den ich extra für mich ausgesucht hatte!
Spätestens als wir zum ersten Mal zu dritt auf den 3d-Parcours gehen und ich auch hier um Welten besser treffe als früher, ist für mich klar: ich werde komplett auf Linkshand umsteigen. Ich kann gar nicht wirklich sagen, warum, aber es fühlt sich einfach irgendwie besser an, es ist jetzt einfach irgendwie mehr meins – wie wenn ich nun endlich angekommen wäre!
Und so bin ich – einmal mehr – einem Menschen unglaublich dankbar, denn wenn er mich nicht mit seiner Bemerkung „getroffen“ hätte, würde ich jetzt auch nicht besser treffen – und – seien wir ehrlich: (ins Gold) zu treffen macht einfach mehr Spaß!
#Worte_die_verzaubern