Auf den Tag genau zwei Monate nach meinem Sturz (mehr dazu in „Der größte Schmerz“) mache ich mich auf den Weg an einen besonderen Ort des Trostes und der Kraft (wetterbedingt nicht mit dem Motorrad). Wann ich damit angefangen habe, regelmäßig nach Mariastein zu fahren oder zu wandern, weiß ich nicht mehr. Sicher ist, dass ich mehr oder weniger regelmäßig dorthin zurückkehre und immer wieder von neuem beeindruckt bin von der besonderen Atmosphäre und der kraftvollen Stille dieses trostspendenden Ortes.
Dieser Besuch ist diesmal besonders außergewöhnlich, denn während ich zur Gnadenkapelle hinabsteige, die sich in einer Höhle in einer steilen Felswand befindet, scheine ich einen (Heilungs-?)prozess zu durchschreiten.
Zuerst wird mir bewusst, welche große Freiheit in mir steckt. Ich werde geradezu überwältigt von diesem riesigen Gefühl! Die Freiheit, einfach (an einem Montag) einen Ausflug machen zu können und ein Versprechen einzulösen. Denn im Urlaub in Österreich habe ich einen abgelegenen, in einem wunderschönen stillen Tal gelegenen Marien-Wallfahrtsort besucht und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich vom Parkplatz zur Wallfahrtskirche gehumpelt bin, weil mein rechter Fuß geschwollen und blau angelaufen war. In der Kirche habe ich eine Kerze angezündet und der Maria im Kirchental versprochen, dass ich nach Mariastein fahre, wenn ich wieder zuhause bin und wieder Motorradfahren kann. Und doch hat es irgendwie länger gedauert, bis ich den Weg endlich unter die Füße genommen habe, ich weiß selber nicht so recht warum!
Der Gang, der zur Gnadenkapelle führt, ist manchmal sehr niedrig und als ich durch einen Torbogen schreite, ist es mir, als würde ich neugeboren. Mein erster Impuls: ich schüttle den Kopf über mich selbst und wundere mich über mein Empfinden. Aber als ich einen Moment innehalte, kehrt das Gefühl sofort zurück: mit Durchschreiten dieses Torbogens – der an sich überhaupt nichts Besonderes ist – bin ich neugeboren worden. Wie wenn ich alles Alte, alles Belastende, einfach hinter mir zurückgelassen hätte. Was für ein schönes, beruhigendes Gefühl – ich bin immer noch ganz erstaunt darüber.
Doch als ich weitergehe, wird mir noch etwas klar: alles geht nur Schritt für Schritt: die Heilung meines Fußes, das Akzeptieren meiner Hochsensibilität oder auch das Schreiben meines Buches. Eines nach dem anderen, alles zu seiner Zeit.
Und so gehe ich langsam weiter, steige die steile Treppe zur Kapelle hinab, zünde zwei Kerzen an und lasse dann die Stille und die besondere Atmosphäre der Kapelle auf mich wirken. Die Marienstatue trägt ein außergewöhnlich schönes Gewand, das ich noch nie gesehen habe. Ich ärgere mich fast ein bisschen darüber, dass ich erst jetzt wieder an diesen heilsamen Ort gekommen bin und solange auf diesen Trost verzichtet habe. Deshalb nehme ich mir vor, wieder öfter solche Kraftorte aufzusuchen – welch ein Segen, dass es solche Orte überhaupt (und das erst noch in der Nähe) gibt!
P.S. Und wie ich diesen Beitrag schreibe und der Vollmond durchs Fenster scheint, erinnere mich noch an etwas besonders schönes von vor zwei Monaten: am Tag nach meinem Sturz fahre ich mit einem Freund nach Colmar an ein Mantra-Konzert. Die heilsame und berührende Stimmung des Konzertes nimmt mich ganz gefangen und als wir aus der Konzerthalle heraustreten, steht der Vollmond hoch am Himmel. Trotz der mittlerweile recht kühlen Temperaturen fahren wir dann im Cabrio offen nach Hause zurück und ich glaube ich werde nie vergessen, wie ich mich gefreut und wie ich darüber gestaunt habe, einfach so direkt während der Fahrt in den Sternenhimmel schauen zu können! Eben die große – und auch unbeschreibliche Freiheit.
#Worte_die_verzaubern
Ein Gedanke zu „Die große Freiheit“