Der größte Schmerz

Vor ein paar Tagen hatte ich ein Erlebnis, das mich immer noch beschäftigt – und das vermutlich deshalb, weil es meinen größten Schmerz angetriggert hat.

Und das kam so: „Motorradfahrende HSP (45 J.) sucht Gleichgesinnte für Austausch und Ausfahrten…“ – so der Anfang einer kleinen Anzeige, die ich in der örtlichen Tageszeitung aufgegeben hatte. Auch wenn ich viel (und auch gerne) allein fahre, so werde ich dabei doch immer wieder mit Schwierigkeiten und Herausforderungen konfrontiert, die ich bisher meist auf meine Hochsensibilität zurück geführt habe, inzwischen bin ich allerdings zum Schluss gekommen, dass es auch daran liegen könnte, dass ich erst so spät den Motorradführerschein gemacht habe und vor allem so selten Auto fahre. Und so ist der Wunsch entstanden, andere hochsensible Motorradfahrende zu suchen. Unter den Fahrern (Frauen waren keine dabei), die sich daraufhin bei mir melden, ist einer, der sich als „sehr sensibel“ bezeichnet und schreibt, dass er gar nicht gewusst hat, dass es noch andere sehr sensible Motorradfahrer gibt und er deshalb gedacht hat, dass er sich unbedingt melden muss. Wir treffen uns erst mal auf einen Kaffee (ohne Motorrad) und verstehen uns soweit ganz gut – ich meine, ich möchte ja nicht in erster Linie mit ihm Kaffee trinken gehen und mich mit ihm unterhalten, sondern Motorrad fahren. Also verabreden wir uns ein paar Tage später an einer Tankstelle in einem Ort, der etwa in der Mitte zwischen unseren Wohnorten liegt. Etwas nervös bin ich ja schon, zumal ich mich auch nicht so hundertprozentig fit zum Fahren fühle, aber da ich schon mal abgesagt habe und ich zwei Tage später in Urlaub fahren werde, mache ich mich auf zum Treffen.

Wie immer ist die fehlende Kommunikationsmöglichkeit beim Fahren zweischneidig: das Schöne daran ist, dass ich ganz in Ruhe für mich fahren kann, der Nachteil hingegen, dass ich dem vorausfahrenden Kollegen nichts mitteilen kann, zum Beispiel, dass er mal anhalten soll oder so. Noch beim Losfahren hatte ich nämlich gesagt, dass ich sehr müde wäre und wir bestimmt mal eine Pause machen würden, aber wir kurven ohne Pause rauf und runter durch den Schwarzwald, auch auf Strecken, die ich noch nie gefahren bin. Ich überlege mir, ob ich einfach anhalten soll und umkehren, aber das kann ich doch nicht machen? (Ein Kollege von mir rät mir später genau das…) Denn für mich ist klar: gemeinsam losgefahren – gemeinsam heimgekehrt. Doch das scheinen nicht alle so zu sehen, denn ich als ich in einer Kurve wegrutsche und mich zwischen Motorrad und Leitplanke wiederfinde, ist es ein junger, entgegenkommender Enduro-Fahrer, der sich sofort um mich kümmert. Der Arme ist total besorgt und fragt mich mehrmals und immer wieder, ob mir etwas weh tut (nein!) und ob es mir wirklich gut geht (ja!). Mein Sturz muss wohl schlimmer ausgesehen haben als er wirklich war. Wir richten zusammen meine Lady wieder auf, die auf ein paar Kratzer und einen abgebrochenen Kupplungshebel zum Glück heil geblieben ist. Ich hatte mir im Straßengraben ernsthaft Sorgen um sie gemacht und schon das schlimmste befürchtet, aber so kann ich sie auf die andere Straßenseite fahren, wo ein Waldweg einmündet, damit ich dort eine Pause machen kann. Inzwischen ist mein Kollege wieder aufgetaucht, der Enduro-Fahrer vergewissert sich nochmal, dass es mir gut geht und mir nichts weh tut, drückt mir das abgebrochene Stück des Kupplungshebels in die Hand (als Andenken! sagt er) und verabschiedet sich von mir. Er wirkt immer noch sehr besorgt. Ich bin so gerührt, dass ich nur ein einfaches „Danke“ herausbringe, was mir hinterher leid tut, denn der junge Mann hat sich sofort und so lieb um mich gekümmert, wie ich das nie erwartet hätte. Als er weggefahren ist, sehe ich auf der Straße eine Bremsspur, die etwa anderthalb Meter lang ist. Als ich meinen Kollegen darauf anspreche, meint der, dass diese wohl vom Enduro-Fahrer stammt. Der ist also voll in die Eisen gestiegen, um mir zu helfen. Was bin ich dankbar dafür! Er hat nämlich auch einen herannahenden Lieferwagen vor dem in der Kurve liegenden Motorrad gewarnt und hat einfach für mich unglaublich besonnen und souverän gehandelt und dafür bin ich ihm sehr sehr dankbar. Mein Kollege hingegen schießt den Vogel ab: er fragt mich ernsthaft, ob wir jetzt die Tour fortsetzen wollen (noch mehr Kurven auf unbekannter Strecke) und als ich ihm antworte, dass ich auf direktem Weg nach Hause fahren würde, wenn er mir denn bitte sagen würde, wo wir jetzt wären, beschließt er, die Tour allein fort zu setzen. Es kommt ihm nicht mal in den Sinn, mich zu fragen, ob er mit mir nach Hause fahren soll…

Wie sehr mich das verletzt, merke ich erst daheim, denn die Rückfahrt erfordert meine volle Aufmerksamkeit. Natürlich steckt mir der Sturz noch in den Knochen und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ein Schock auch erst viel später eintreten kann, deshalb wäre es für mich selbstverständlich gewesen, die gestürzte Person nach Hause zu begleiten. Doch ich bin froh, dass ich durch das Motorradfahren vor allem eins gelernt habe: wenn man hingefallen ist heißt es: aufstehen, Krönchen richten, weiterfahren! Und so komme ich soweit gut zu Hause an.

Dort kommt allerdings neben dem inneren Schmerz auch der äußere Schmerz, denn als ich an meinem rechten Motorradstiefel den Reißverschluss öffne, wird das Bein augenblicklich dick und ich entdecke eine dicke blaue schmerzende Prellung am Unterschenkel. Und obwohl ich auch nach Tagen den Fuß immer noch nicht wieder belasten kann und den Urlaub, den wir zwei Tage nach dem Vorfall angetreten haben, fast nur auf dem Balkon der Ferienwohnung verbringen kann, so bin ich doch einfach nur froh und unendlich dankbar, dass nichts Schlimmeres passiert ist und ich überhaupt mit in Urlaub fahren konnte.

Der innere Schmerz sitzt hingegen ungleich tiefer. Dass sich ein Unbekannter – der junge Enduro-Fahrer – so selbstlos um mich gekümmert hat, während sich mein „Kollege“ einfach aus dem Staub gemacht hat, nagt an mir. Als mich dies auch nach Tagen noch beschäftigt, frage ich mich, ob das vielleicht daran liegt, dass dieser Vorfall einen viel tieferen, viel älteren Schmerz in mir antriggert. Und mir wird klar: das „Allein-gelassen-werden“ kenne ich (leider) nur allzu gut und ist wahrscheinlich ganz einfach der größte und älteste Schmerz in mir.

Und auch wenn die inzwischen erwachsene Nicoletta Samira inzwischen vielleicht nachvollziehen kann, dass der Motorradfahrer vielleicht einen Schock wegen meines Sturzes hatte und deshalb weitergefahren ist, oder es in allen anderen Situationen, in denen ich schon allein gelassen wurde, einen triftigen Grund dafür gibt, so trifft das doch immer die Wunde meines inneren Kindes und ich bin tief verletzt, ob ich will oder nicht. Und auch wenn es mir schwerfällt, mir dies einzugestehen: genau darin liegt auch das Geschenk dieser Begegnung verborgen. Ohne diese Begegnung hätte ich nicht in die Tiefe dieses Schmerzes hineinsinken können und hätte damit aber auch nicht die Gelegenheit zur Heilung bekommen. Noch kann ich zwar nicht wirklich dankbar dafür sein, dass mir jemand dabei „geholfen“ hat, diesen Schmerz zu spüren, aber so wie der immer noch schmerzende Bluterguss an meinem Bein langsam nach unten wandert und von Tag zu Tag mehr in allen Regenbogenfarben schillert, so weiß ich, dass auch mein innerer Schmerz genauso verheilen wird, zwar nicht so sicht- und spürbar, aber deshalb nicht weniger. Und es ist unglaublich tröstend und beruhigend zu wissen, dass ich jetzt genau am richtigen Ort bin, um heilen zu dürfen. Was bin ich dankbar dafür.

#Worte_die_verzaubern

4 Gedanken zu „Der größte Schmerz“

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