Gang nach Golgota

Dass ich eine Dramaqueen sein kann, werden alle jene nachvollziehen können, die „Zu viel Gefühl?“ gelesen haben. Mich in etwas hineinzusteigern, das kann ich recht gut. Zum Glück gelingt es mir aber immer öfter, dass ich selber merke, was gerade abgeht. Und sonst ist da noch mein Mann, der mich dann mit einem ganz besonderen Blick anschaut, so dass ich weiß, ok, ich mach hier grad wieder unnötig Stress. Wenn das auch nichts nützt, dann sagt er meist ganz ruhig: „Du weißt aber schon, dass Du Dich da grad wieder in etwas reinsteigerst?“ Und ja, natürlich weiß ich das, aber manchmal kann ich irgendwie nicht anders… (aber es wird besser, ehrlich!).

So auch bei der Sache mit meinem Vater. Wir hatten uns noch nie sehr nahegestanden und nachdem es dann vor ein paar Jahren mal gewaltig gekracht hat, wollte ich den Kontakt zuerst ganz abbrechen, habe ihn dann aber einfach auf ein absolutes Minimum reduziert. Der Grund dafür war einfach: nach seiner zweiten Heirat standen ihm die Kinder (alle etwa im gleichen Alter wie meine Geschwister) seiner Frau einfach näher, weil sie genau das repräsentierten, was er von uns erwartet hat: in allen Lebenslagen erfolgreich, perfekte Familien, gut betucht, leistungsbereit, vorzeigbar. Wir hingegen konnten seine Erwartungen irgendwie nie erfüllen, ganz egal, wie sehr wir uns auch angestrengt haben.

Auch als er ins Pflegeheim kam, habe ich ihn nie besucht. Da er nicht mehr in der Region Basel lebte und ich kein Auto habe, war ein Besuch doch mit Aufwand verbunden. Als die Frage aufkam, was wir denn an seinem 80. Geburtstag machen sollten, stellte sich heraus, dass es ein Fest gab, zu dem wir – also seine eigenen Kinder – nicht eingeladen waren. Damals habe ich mir wirklich überlegt, den Kontakt ganz abzubrechen. Warum sich engagieren für jemanden, der offensichtlich kein Interesse daran hat? Und dann kommt die Überraschung: zu seinem 81. Geburtstag gibt es wieder ein Fest! Diesmal allerdings mit seinen Kindern und seiner Familie (sein Bruder und weitere Verwandte). Ich weiß nicht, wie lange ich ihn da schon nicht mehr gesehen hatte. Freuen konnte ich mich nicht, denn ich mag Familienfest grundsätzlich nicht und unsere Familie ist dermaßen belastet, dass es mir einfach vor dem Fest graute. Und ehrlich gesagt plagte mich schon mein schlechtes Gewissen, ihn so lange nicht mehr besucht zu haben. Würde er mich überhaupt noch kennen? Das Fest geht vorbei, ohne dass eine nennenswerte Veränderung in unserer Beziehung stattgefunden hätte. Es war für ihn so anstrengend, dass wir kaum ein Wort miteinander reden konnten. Deshalb hatte ich danach immer noch keine Lust, ihn zu besuchen. Zu sehr haben mich frühere Treffen verletzt, wenn er nur von seinen Stiefkindern und -enkeln erzählt hat und sich so gar nicht für seine leiblichen Kinder und Enkel interessiert hat.

Aber irgendwann wird mir bewusst, dass das reine Verdrängungstaktik ist und ich gerade ein Riesendrama um etwas mache, was man einfach mal ausprobieren könnte: nämlich meinen Vater im Pflegeheim zu besuchen und zu schauen wie es wird. Irgendwann im vergangenen Herbst nehme ich mir deshalb vor, noch vor Weihnachten meinen Vater zu besuchen. Ich bin froh, dass mein Mann mich begleitet. Um mit meinem Vater über etwas reden zu können, nehme ich ein paar Fotos vom Bogenschießen und Motorradfahren mit.

Und siehe da: was sich wie der Gang nach Golgota angefühlt hat, wird ein richtig netter Nachmittag! Nicht nur mit meinem Vater, sondern auch mit meiner Stiefmutter. Und nachdem ich es meinem Vater irgendwie nie recht machen konnte, findet er es jetzt toll, das ich Motorrad fahre! Er hat die beiden Fotos, die mich auf der 125er und auf der großen Kawa zeigen, immer wieder betrachtet und wollte unbedingt mit uns nach draußen und die Maschine sehen, mit der ich gekommen war, aber soweit bin ich ja leider noch nicht (er hat ein paar Tage später meinem Bruder erzählt, ich hätte bereits den Führerschein gemacht und eine eigene Maschine!). Und es zeigt sich mir wieder einmal: sobald ich meine Erwartungen (hier: Anerkennung von meinem Vater erhalten) aufgebe und Dinge einfach auf mich zukommen lasse, wird plötzlich unerwartetes möglich. Und wer hätte gedacht, dass ich mich jetzt richtig auf den nächsten Besuch freuen kann, wenn ich dann –  hoffentlich! – mit meiner eigenen Maschine über den Bözberg kurven kann! Und dann wird das bestimmt auch kein Gang nach Golgota mehr…