Erinnerungen

Neulich hatte ich – was wirklich sehr sehr selten ist! – Lust auf Techno. Ich habe nur zwei Techno-CDs, oder sagen wir anderthalb: die Street Parade-Compilation aus dem Jahr 2000 und die Single-CD dazu mit einer ganz besonders schönen Version des Mottos und Titelsongs „believe in love“.

Natürlich waren sofort die Erinnerungen an meinen Bruder wieder da! Denn einmal in meinem Leben wollte ich an diesem gigantischen Event dabei sein und so haben mich er und sein Freund damals mitgenommen. Mein damaliger Freund war auch noch dabei und ich glaube, ich werde diesen Tag nie vergessen. Die Party hat schon auf der Autobahn angefangen, da wir hoffnungslos im Stau standen und ging dann am Zürcher Seebecken weiter. Bunt, schrill, laut, lebensfroh – so sind meine Erinnerungen daran.

Lange hatte ich ja gar nicht begriffen, dass mein Bruder schwul war. Erst hatte ich gedacht, er wohnt einfach mit einem Kumpel in einer WG, auch wenn die beiden in einem Einfamilienhaus an einer schicken Adresse wohnten. Irgendwann fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen und von diesem Zeitpunkt an hatten wir ein noch engeres Verhältnis zueinander, denn ich war die einzige, die sich getraut hat, offen mit ihm über das Thema zu sprechen.

Unsere Vertrautheit und Offenheit hat dann auch zu verschiedenen – teilweise auch sehr lustigen – Erlebnissen geführt, an die ich mich heute noch gerne erinnere:

Einmal durfte ich an einer Geburtstagsgartenparty bei den beiden dabei sein – ich als einzige Frau unter etwa dreißig Männern. Mann, war das cool! Ich glaube, ich hatte mich da gerade von meinem Freund getrennt und die Nase voll von Männern, aber wenn alle schwul sind, dann ist das voll easy und einfach nur total entspannt. Und die fanden es ebenso cool, endlich die „kleine“ Schwester ihres Freundes kennen zu lernen (mein Bruder und sein Partner haben mich immer „hermanita“ genannt). Am nächsten Tag habe ich meiner besten Freundin erzählt, dass ich am Abend vorher an einer Party nur mit Männern war, was, hat die Augen gemacht…!

Oder ein anderes Mal waren wir zusammen im Schwimmbad. Als wir unsere Badetücher auf der Liegewiese ausbreiten, sagt mein Bruder zu mir, ich solle mein Tuch etwas weiter weglegen, sonst würden die Leute – ich nehme an, er hat eher gemeint die anderen Männer, die ja vielleicht interessant sein könnten! – ja noch meinen, ich sei seine Freundin! (Das ist uns übrigens ab und zu mal passiert.) Aber worüber ich mich heute noch amüsiere, zumal ich mich nicht erinnern kann, das jemals mit einer guten Freundin gemacht zu haben, ist, dass wir, nachdem wir unsere Bahnen geschwommen hatten, zusammen am Beckenrand saßen und die Männer im Becken „durchhechelten“! Leider? oder glücklicherweise? gefielen uns nie dieselben… aber Spaß hat es trotzdem gemacht!

Oder an einen gemeinsamen Saunabesuch mit seinem Partner: es sorgt schon etwas für Aufsehen, wenn man in der gemischten Sauna, in der es erfahrungsgemäß immer sehr wenige Frauen hat, gleich mit zwei Männern an der Seite auftaucht. Ich werde die Blicke nie vergessen, als wir in einer der Sauna-Blockhütten „einmarschiert“ sind: erst mein Bruder, dann ich, dann sein Partner. Was haben wir hinterher gelacht!

Hach, ich konnte mit meinem Bruder ganz einfach Dinge tun, die ich sonst mit niemandem tun konnte. Und auch wenn ich ihn dadurch manchmal noch schmerzlicher vermisse, dann bin ich doch froh um diese Erinnerungen, die wie ein Schatz in meinem Herzen ruhen. Und mir wird bewusst, dass dieser Erinnerungsschatz immer da ist und es ganz egal ist, wieviel Zeit ich mit einem Menschen verbracht habe: entscheidend ist nur, wie sehr ich ihn geliebt habe.

#Worte_die_verzaubern

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