(Dieser Beitrag gehört zur Serie „Sprache“. Hier geht es zum ersten erklärenden Beitrag „Sprache“ und zur Übersichtsseite mit allen Beiträgen.)
Wir haben uns wohl alle in der Schule mit der Rechtschreibung der deutschen (und vielleicht auch noch anderen) Sprachen geplagt. Auch wenn uns die Regeln manchmal unverständlich sind, so haben sie doch einen entscheidenden Vorteil: sie sind einheitlich. Das war bei weitem nicht immer so! Was für uns heute doch eher unglaublich klingt, beschreibt der Duden-Sprachwissen-Newsletter vom 7. Juli 2025:
Auch wenn wir Dr. Konrad Duden (1829–1911) vielleicht manchmal verwünscht haben (oder es vielleicht manchmal immer noch tun), so hat er doch den Grundstein für eine einheitliche Rechtschreibung in Deutschland gelegt. Das war bitter nötig, denn bis zur Reichsgründung 1871 kochte jeder der 25 (!) vereinigten Kleinstaaten sozusagen seine eigene Buchstabensuppe. Es gab nicht mal innerhalb eines Staates verbindliche Regeln. Nicht einmal die Lehrer derselben Schule waren sich immer über die Rechtschreibung einig – und eine übergeordnete Stelle, die man hätte anrufen können, gab es nicht. Als Dr. Konrad Duden Direktor eines Gymnasiums wurde, hatte dort jeder Lehrer seine eigenen Rechtschreibregeln, was für die Schüler höchst verwirrend war. Deshalb verfasste er in Abstimmung mit dem Kollegium eine Schrift „Zur deutschen Rechtschreibung“, welche im Jahresbericht erschien und bald in Fachkreisen Beachtung fand. 1872 folgte ein Bändchen mit dem Titel „Die deutsche Rechtschreibung“, das die überarbeiteten Regeln und bereits ein kleines Wörterverzeichnis enthielt. Da die Forderungen nach einer einheitlichen Rechtschreibung immer lauter wurden, fand 1876 die Erste Orthographischen Konferenz in Berlin statt, an der auch Duden teilnahm. Allerdings gingen die vorgesehenen Änderungen vielen zu weit, weshalb sich die Vorschläge der Konferenz nicht durchsetzen konnten. Doch zumindest auf Landesebene habe es nun in Preußen, Bayern, Sachsen, Baden und Württemberg je eigene Rechtschreibregeln. Doch Duden gab nicht auf. Inzwischen war er Gymnasialdirektor in Hersfeld und beschloss, auf Basis der preußischen Regeln, die am weitesten verbreitet waren, aber auch unter Berücksichtigung der bayerischen, ein umfangreiches Wörterverzeichnis zu erarbeiten, das vor allem für die Schulen gedacht war. Sein „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ erschien am 7. Juli 1880 – also vor 145 Jahren.
Dieser sogenannte „Urduden“ kostete damals eine Mark und war im Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig, erschienen. (Zum Vergleich: der heutige Duden in der neusten Ausgabe von 2024 kostet im Hardcover 35 Euro.) Der „Urduden“ enthielt rund 27.000 Stichwörter, darunter viele Fremdwörter, von denen manche allerdings bereits wieder aus dem deutschen Sprachgebrauch verschwunden sind. Im Vorwort beschreibt Duden unter anderem die Widersprüche zwischen den bayerischen und den preußischen Schreibweisen ein und nennt als Beispiele: Literatur – Litteratur, Möve – Möwe, Widerhall – Wiederhall (die erste Schreibung ist jeweils bayerisch, die zweite preußisch). Mit seinem langen Wörterverzeichnis bot der Urduden nun all denen Hilfe, die schnell und zuverlässig über die Rechtschreibung für ein bestimmtes Wort, Aufschluß haben wollten. Zu einer einheitlichen Rechtschreibung für ganz Deutschland kam es aber übrigens erst nach der Zweiten Orthographischen Konferenz im Jahr 1901!
Heute umfasst der Rechtschreibduden mehr als das Fünffache an Wörtern, nämlich bereits 151.000 Stichwörter – und das Ringen um eine Orthografie des Deutschen, die sowohl den Schreibenden als auch den Lesenden gerecht wird, dauert bis heute an.
Interessant ist auch das neue Büchlein, das anlässlich des Jubiläums erschienen ist. Es heißt „Neue Wörter im Duden von 1880 bis heute“ (Detlef Berghorn) und zeigt auf, wann welche Wörter in den Duden aufgenommen wurden. Hier ein kleiner Auszug:
1880: Draisine, Velociped, Tramway, Pomade
1902: Automobil, Fahrrad
1915: Flugzeug, Luxuszug, Motorrad
1929: Rikscha, Zeppelin, Jazz
1941: Hubschrauber, Volkswagen
1961: Pendler, Raumfahrt
1973: Kreuzfahrt, UFO, Rush-hour (heute: Rushhour)
1980: Kettcar, Stau
1991: Fahrgemeinschaft, ICE
2000: Carsharing, Hochgeschwindigkeitszug
2004: Elternzeit
2006: Navi
2009: Hybridauto, Minivan
2020: E-Scooter, Lastenrad
Der Duden-Sprachwissen-Newsletter kann kostenlos hier abonniert werden: duden/newsletter (zuletzt abgerufen am 14. Juli 2025).
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