(Dieser Beitrag gehört zur Serie „Berührende Bücher“. Hier geht es zum erklärenden Beitrag „Noch mehr berührende Bücher“ und zur Übersichtsseite mit allen Beiträgen.)
Es läuft mir immer noch kalt den Rücken hinunter, wenn ich das Titelbild des Buches betrachte, das neben mir auf dem Schreibtisch liegt: ein paar Holzstühle vor einer (hässlichen) Tapete mit stilisierten Bäumen… nachdem ich nun weiß, was es mit diesen Stühlen auf sich hat, schüttelt es mich richtig, wenn ich das Buch anschaue… doch warum lese ich dann so etwas überhaupt?!
Früher habe ich keine Krimis gelesen. Allerdings hatte ich so ungefähr mit zwölf eine Phase, in der ich gar nicht genug von (wirklich absolut unheimlichen) Geistergeschichten bekommen konnte – von Geschichten, bei denen es mich später so gegruselt hat, dass ich mich immer wieder fragte, wie im Himmels willen ich einst so etwas lesen konnte. Irgendwann bin ich dann doch zum Krimi gekommen und hatte meist so um die Weihnachtszeit eine Krimi-Phase (vielleicht als „Gegenbewegung“ zur „allumfassenden“ Besinnlichkeit), in der ich einen Stapel der gerade aktuellen Krimis gelesen habe – da bin ich zum Beispiel mit Commissario Brunetti (von Donna Leon) durch Venedig auf Spurensuche gegangen oder habe mich auf Sizilien über den tollpatschigen Assistenten von Commissario Montalbano amüsiert (von Andrea Camilleri). Doch dann war auch diese Phase irgendwann so plötzlich wieder vorbei wie sie begonnen hatte. Kriminalfälle begegnen mir inzwischen nur noch in historischen Krimis, zum Beispiel in den lesenswerten Romanen von Andrea Schacht (mehr dazu im Beitrag „Mutige Frauen im Mittelalter“).
Doch als ich neulich an einer Schule an den Präsentationen zu den Projekten in der zwölften Klasse teilgenommen habe, wurde ich auf den Krimi „Und dann gabs keines mehr“ von Agatha Christie aufmerksam – und das kam so: eine Schülerin hatte sich als Projekt das Drehen eines Films vorgenommen. Da das Schreiben eines eigenen Drehbuchs den Rahmen des schulischen Projekts gesprengt hätte, entschied sie sich für eine „fertige“ Geschichte und stieß dabei auf besagten Krimi – dies vor allem deswegen, weil es im Buch nur einen Schauplatz (eine Insel) gibt und nur zehn Personen darin vorkommen. Anschaulich hat sie erzählt, wie sie bei der Produktion des Filmes vorgegangen ist (es wurde schließlich ein abendfüllender Film von über zwei Stunden) und hat uns zum Schluss den Trailer für ihren Film vorgeführt. Das war ganz schön unheimlich! Doch der Plot hat mich nicht mehr losgelassen und seltsamerweise kannte auch mein Mann, der schon einiges von Agatha Christie gelesen hat, das Buch nicht. Als ich im Internet nach dem Buch suche, bin ich überrascht, dass der Roman mit über 100 Millionen verkauften Exemplaren das meistverkaufte Werk von Agatha Christie ist und unter den meistverkauften Büchern aller Zeiten einen der vordersten Plätze einnimmt – es ist der meistverkaufte Kriminalroman aller Zeiten! (So schreibt zumindest Wikipedia, zuletzt abgerufen am 2. Feb. 2025.) Ich beschließe, meinen Mann zu überraschen und das Buch zu bestellen. Die neuste Ausgabe (in neuer Übersetzung) ist allerdings gerade nicht lieferbar, anscheinend wird das Buch gerade nachgedruckt. Aber gebraucht gibt es viele verschiedene Ausgaben und so habe ich mich für das – bei der Auswahl am „ansprechendste“ Titelbild mit den Stühlen – entschieden.
Und dann ist es passiert: ich wollte nur ein bisschen „reinschnuppern“ (ich habe bisher noch kein Buch von Agatha Christie gelesen), aber dann hat mich die Geschichte so gepackt und auch wenn ich die Vorgänge im Buch mehr als unheimlich fand, konnte ich es dann doch nicht lassen… vielleicht gerade wegen des äussert interessanten Plots, weit entfernt von einem „herkömmlichen“ Krimi mit Leiche(n), Mörder(n) und einem Kommissar oder Detektiv, der das ganze aufklären soll. Ich denke, heute würde man diese Art von Buch nicht mehr Krimi, sondern eher Psychothriller nennen…! Um nicht zuviel zu verraten, hier nur ein kurzer Überblick über die Handlung:
Zehn Menschen (drei Frauen und sieben Männer), die sich noch nie zuvor gesehen haben, werden auf eine einsame Insel eingeladen, die nur mit dem Boot erreichbar ist.
Die Gastgeber – die sich Owen nennen – sind nicht vor Ort, als die Gäste eintreffen. Die Gäste werden von einem Butler begrüßt, der sich zusammen mit seiner Frau um die Gäste kümmert (nach genauen Anweisungen, die er von den Owens erhalten hat). Der Butler hat die Gastgeber noch nie gesehen, sondern ist von ihnen schriftlich über alles informiert worden.
Bereits am ersten Abend stirbt einer der Gäste. Die anderen sind total schockiert und wollen die Insel verlassen. Doch es gibt keine Möglichkeit, die Insel zu verlassen. Der Bootsführer, der die Gäste zur Insel gebracht hat, ist zurück in den kleinen Hafenort an der Küste gefahren. Er sollte jeden Morgen auf der Insel vorbeikommen und die Menschen dort versorgen. Doch er kommt nicht mehr.
Am Vormittag des nächsten Tages stirbt die Frau des Butlers.
Erste Verdächtigungen werden laut, dass es sich bei den Todesfällen nicht um natürliche Tode (oder Selbstmorde) handeln kann…
Unheimliche Dinge gehen im Haus vor sich. Es zerbricht eine Fensterscheibe, obwohl niemand im Raum war. Dinge verschwinden auf unerklärliche Weise. Es muss also noch mehr Menschen auf im Haus oder auf dieser Insel geben!
Die Gäste suchen auf der ganzen Insel. Sie finden… nichts.
Die Gäste suchen das ganze Haus ab. Sie finden… nichts.
Irgendwann wird allen klar: „Es ist einer von uns.“
Dann bricht ein Sturm los und fesselt die Menschen ans Haus. Es beginnt ein gegenseitiges Belauern und Verdächtigen. Jede und jeder von ihnen hat es etwas zu verheimlichen. Und es sterben weitere Menschen – solange, bis nur noch drei von ihnen übrig sind…
Als der Sturm nachlässt, werden auf der Insel zehn Tote gefunden.
Ein Buch, das die Abgründe von Menschen offenbart, meisterhaft geschrieben – packend und genial.
P.S. Auf der Suche nach dem Krimi bin ich auf eine Romanbiografie von Agatha Christie (von Susanne Lieder) gestoßen – das Buch gehört zur Reihe „Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe“ (Verlag atb), über die ich im Beitrag „Bewegende Lebensgeschichten“ schreibe). Da ich ja einen ihrer Krimis gelesen habe, bin ich schon gespannt auf ihre Geschichte. Die wird hoffentlich nicht so unheimlich…!
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Ein Gedanke zu „Die Insel“