Der Dachschaden ist nicht das Problem

(Dieser Beitrag gehört zur Serie „Berührende Bücher“. Hier geht es zum erklärenden Beitrag „Noch mehr berührende Bücher“ und zur Übersichtsseite mit allen Beiträgen.)

Manchmal finde ich es äußerst schwierig, Büchern in einem Blogbeitrag gerecht zu werden. Dann denke ich während des Schreibens immer wieder: „mmh, das trifft es nicht so ganz“ – oder auch: „mmh, das muss man einfach selber gelesen haben“. So erging es mir bei den beiden Büchern von Alexandra Potter, über die ich in diesem Beitrag schreiben möchte. Natürlich könnte ich solche Bücher auch einfach von meiner Liste streichen, also nicht über sie schreiben, aber gerade weil sie mich eben sehr berührt und zum Nachdenken angeregt haben (oder es immer noch tun), möchte ich über diese Bücher schreiben.

Als mir eine Bekannte vor einer Weile ein Taschenbuch in die Hand drückt, dass rosa Punkte auf dem Titelbild hat und dessen Seiten am Rand rosa eingefärbt sind, bin ich erst etwas skeptisch (rosa ist so gar nicht meine Farbe und auf einen zuckersüßen und alle-schweben-auf-rosa-Wölkchen-Roman hatte ich überhaupt keine Lust)… doch als ich den Titel „Je größer der Dachschaden, desto besser die Aussicht“ lese, grinse ich, denn an unserem Kühlschrank hängt eine Postkarte mit der Aufschrift: Je größer der Dachschaden, desto bessser der Blick auf die Sterne. Ich blende das rosa also aus und beginne zu lesen.

Und schon nach den ersten Seiten möchte ich das Buch gar nicht mehr weg legen! Es ist lustig, komisch, traurig, bizarr, tiefgründig, oberflächlich und vieles mehr – eben genau so wie das Leben ist. Und dass es manchmal (oder meistens?) – auf jeden Fall mehr als einem lieb ist – ganz anders kommt als geplant… 

Mit vierzig steht Nell (in London) gefühlt vor dem Nichts, während ihre Freundinnen und Freunde verheiratet und erfolgreich sind, Kinder haben und in schönen Häusern wohnen und was sonst noch zu einem – zumindest von aussen betrachtet – perfekten Leben gehört. Sie selber hingegen wohnt zur Untermiete in einem Zimmer beim pedantischen Edward und verdient – mehr schlecht als recht – ihre Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Nachrufen. Dadurch lernt sie die unkonventionelle Witwe Cricket kennen und stellt fest, dass sie mehr gemeinsam haben als auf den ersten Blick gedacht. Und als Cricket ihr von den Podcasts erzählt, die sie hört, kommt Nell eine Idee…

 „Auf der falschen Seite der 40 – Bekenntnisse einer Versagerin“ – so heißt Nells Podcast für alle Frauen, die sich ebenso wie sie selbst fragen, warum das Leben überhaupt nicht so läuft, wie sie es sich ausgemalt hatten – und spricht damit (ganz unverhofft) vielen aus dem Herzen, die sich ebenfalls in der äusserlich perfekten, aber oberflächlichen und von Social Media geprägten Welt genauso fühlen wie sie selbst. Auch wenn Nell – von ihrem Vermieter Edward stets mit ihrem vollen Namen Penelope angesprochen – immer wieder denkt, dass ihr kaum jemand zuhört, so werden es doch immer mehr. Und als auf einer Halloween-Party herauskommt, dass auch eine ihrer Freundinnen zu den Hörerinnen ihres Podcasts gehört (ohne gemerkt zu haben, dass Nell die Sprecherin ist) und den anderen die erste Podcast-Folge vorspielt, kann Nell kaum glauben, dass sich all ihre Freundinnen mit ihren so perfekten Leben in ihren Worten wiederfinden! (Es ist eben nicht alles so perfekt, wie es auf Social Media aussieht…) Schließlich erkennt eine ihrer Freundinnen ihre Stimme und es bricht ein wahrer Begeisterungssturm los, der noch mehr Bekenntnisse in der Runde nach sich zieht und die Fassaden noch mehr bröckeln lässt.

Als Nells Podcast viral geht und sie auch noch eine neue Liebe findet, scheint sie endlich angekommen zu sein… ist jetzt alles perfekt?

Während ich über dieses sehr berührende Buch schreibe, wird mir bewusst, wie schwierig es ist, in Worte zu fassen, was es in mir ausgelöst hat. Es ist so herzerfrischend und ungekünstelt und es geht um die ganz großen Themen im Leben wie Freundschaft und Liebe, Tod und Trauer – aber auch darum, trotz allem nicht den Humor zu verlieren (sonst wäre das Leben ja gar nicht auszuhalten!).

Umso aufgeregter war ich deshalb, als ich in einem kleinen Prospekt (der in einem Buch lag) gesehen habe, dass es einen weiteren Band geben würde (er ist am 3. Mai 2024 erschienen). Ich war sehr gespannt auf „Wenn das die Lösung ist, will ich mein Problem zurück“ und habe das Buch sofort vorbestellt, auch wenn ich bei solchen Folgebänden immer etwas skeptisch bin. Wenn das erste Buch so berührend war, wird es das zweite auch schaffen? Manchmal werde ich nämlich den Eindruck nicht los, dass nach einem erfolgreichen und gut verkauften Buch der Verlag einfach noch an einem zweiten (erfolgreichen) Buch verdienen möchte. Ob hier wirklich der Verlag dahinter steckt oder die Autorin Alexandra Potter wirklich Sehnsucht nach ihren Figuren aus dem ersten Band hat, wie sie uns in einem Interview auf dem Buchumschlag verrät, kann ich nicht beurteilen.

Also beginne ich etwas verhalten mit dem Lesen, auch wenn ich wahnsinnig gespannt auf das Buch bin, das mit bunten Punkten auf dem Titelbild und den Seitenrändern einmal mehr etwas ungewöhnlich daher kommt. Anfangs bin ich nicht so begeistert, denn die Geschichte beginnt mit dem ersten Lockdown und wird dann gefolgt von Hochzeitsvorbereitungen für die „perfekte“ Hochzeit – also für eine Hochzeit, die vor allem alle anderen glücklich machen soll, aber nicht unbedingt die beiden, die heiraten möchten – und darauf habe ich nun wirklich keine Lust… Ich bin deshalb bereits versucht, den zweiten Band nicht zu empfehlen und hier nur der Vollständigkeit halber kurz zu erwähnen, doch dann beschließe ich, erstmal weiter zu lesen, denn ein Buch nicht fertig zu lesen, ist bei mir fast ein Ding der Unmöglichkeit (im Moment kann ich mich konkret an drei Bücher erinnern, die ich nicht fertig gelesen habe – und das bei bestimmt schon mehreren Hundert Büchern, die ich gelesen habe).

Und siehe da: es kommt (einmal mehr!) vieles anders als geplant und Nell ist wieder (einmal mehr!) herausgefordert, sich eben nicht als Versagerin zu fühlen – obwohl sie alles anderes als das ist! – nur weil sie nicht den Vorstellungen der Gesellschaft entspricht. Ihr Freundin Cricket sorgt dafür, dass die beiden sich amüsieren und (wieder) ins Leben stürzen, aber die Freundschaft mit der über achtzigjährigen Witwe sorgt auch dafür, dass Nell sich immer wieder Fragen zum Leben und zum Tod stellt – und über das Alter und unseren Umgang damit nachdenkt… besonders als Cricket sie zu einem Kurs mitnimmt, in dem jede ihren eigenen Sarg baut (Cricket verschönert ihr Exemplar mit Graffiti und nutzt ihn dann in ihrer Wohnung als Bar…). Das Leben bleibt also chaotisch, unperfekt und unkonvetionell – doch während bei Nell nicht alles rund läuft, stehen auch die Leben ihrere Freundinnen und Freunde mehr und mehr Kopf und sie wird – gemeinsam mit Cricket – zur gefragten Beraterin, denn die beiden bekommen eine Kolumne in einer berühmten Tageszeitung und nennen diese „Bekenntnisse“. Als zum Schluss das Theaterstück von Crickets verstorbenem Ehemann „Monty“, welches Nell lektoriert und fertig geschrieben hat, endlich aufgeführt wird, scheint alles perfekt… oder?

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2 Gedanken zu „Der Dachschaden ist nicht das Problem“

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