Wo Geschichte lebendig wird

(Dieser Beitrag gehört zur Serie „Berührende Bücher“. Hier geht es zum erklärenden Beitrag „Noch mehr berührende Bücher“ und zur Übersichtsseite mit allen Beiträgen.)

Mit historischen Romanen ist es so eine Sache – zumindest für mich. Eigentlich mag ich sie gerne, denn sie geben auf unterhaltsame und anschauliche Weise Einblick in vergangene Zeiten, was ich meist sehr spannend und interessant finde. Leider sind sie mir aber manchmal viel zu brutal und blutrünstig, besonders wenn auch noch (rohe) Gewalt gegen Frauen und Kinder vorkommt. Natürlich ist mir durchaus bewusst, dass es in früheren Zeiten deutlich rauer zuging als heute (und es auch heute noch Gewalt gegen Frauen und Kinder gibt), aber wenn ich als Entspannung und schöne Auszeit ein Buch lesen möchte, möchte ich mich nicht mit solchen Themen beschäftigen müssen.

Deshalb bin ich bei historischen Romanen immer etwas zögerlich und lese sie oft erst, nachdem mein Mann sie gelesen und das entsprechende Buch als „für-mich-tauglich“ befunden hat. So hat es auch eine Weile gedauert, bis ich mich für einen der historischen Romane von Ralf H. Dorweiler entschieden habe, obwohl die ganze Sammlung in unserem Bücherregal steht.

Begonnen habe ich – wenn ich mich richtig erinnere – mit dem Buch „Die Uhrmacher der Königin“ (erschienen 2022). Dazu hat mich wahrscheinlich der Besuch des Uhrenmuseums in Furtwangen inspiriert, das die Geschichte der einfachen Schwarzwälder Uhr bis zum Hightech-Chronometer zeigt. Der Roman erzählt die Geschichte zweier Brüder aus dem Schwarzwald, die nach London ziehen, um dort ihr Glück als Uhrenmacher zu versuchen. Schließlich erhalten sie den Auftrag, eine außergewöhnliche Uhr als Geschenk für Königin Victoria anzufertigen – eine große Ehre, aber auch eine große Herausforderung. Besonders interessant finde ich, dass sie im Palast auf den „Majestäten-Maler“ Franz Xaver Winterhalter treffen, der ebenfalls aus dem Schwarzwald stammt (mehr dazu im Beitrag „Kunst-volle Ausflüge“) – er weilt am englischen Hofe, um die Königin und weitere Mitglieder der Königsfamilie zu porträtieren.

Der flüssig zu lesende Stil von Dorweiler überzeugt mich, so dass ich als nächstes „Die Gabe der Sattlerin“ (erschienen 2020) zur Hand nehme. Diesmal ist die Hauptfigur eine Frau – und das wird wahrscheinlich auch der Grund sein, warum ich mich für dieses Buch entscheide. Die Geschichte handelt von einer jungen Sattlerin (einer Sattlerstochter), die aus ihrem Heimatdorf flieht, um einer Vernunftehe zu entgehen. Unterwegs begegnet sie der Räuberbande des Schinderhannes (der wird uns noch an anderer Stelle in dieser Serie begegnen) und findet schließlich auf dem Hofgestüt Marbach Zuflucht, wo sie für den württembergischen Herzog einen prunkvollen Sattel anfertigen soll… ob ihr das trotz der knapp bemessenen Zeit gelingt? Interessanterweise taucht auch hier eine berühmte Figur auf: Friedrich Schiller, der auf dem Gestüt als Tierarzt arbeitet. Am Ende des Buches dürfen wir der Uraufführung seines Stückes „Die Räuber“ erleben, welches er – inspiriert durch die Räuberbande rund um den Schinderhannes – geschrieben hat.

Als wir uns vor ein paar Monaten die historische Klopfsäge Fröhnd bei uns in der Nähe anschauen, erzählt uns der Förster, der die Säge vorführt, wie hier früher gearbeitet und geflößt wurde. Mein Mann erinnert sich schließlich daran, dass es im „Der Pakt der Flößer“ (erschienen 2017) genau darum geht und so ist mein Interesse geweckt. Wieder geht es um Menschen aus dem Schwarzwald und um eine besondere Aufgabe. Eine Lieferung Baumstämme soll mit dem größten jemals gebauten Floß aus dem Schwarzwald über den Rhein nach Amsterdam geflößt werden. Doch das Floß trägt noch eine andere kostbare Fracht…

Nachdem ich vor einer Weile einen historischen Roman über Hildegard von Bingen gelesen habe („Die Heilerin vom Rhein“ von Jørn Precht) spricht mich ein weiterer Roman von Dorweiler an: „Der Gesang der Bienen“, erschienen 2019. Die Geschichte des Zeidlers Seyfried und seinem Leben im Schwarzwald. Was aber hat nun Hildegard von Bingen mit einem Zeidler aus dem Schwarzwald zu tun? Seyfrieds Frau wird zu Tode verurteilt und kann nur durch die Fürsprache der berühmten Äbtissin vor der Vollstreckung des Urteils bewahrt werden. Seyfried bleiben nur zwei Wochen, um zu Fuß nach Bingen – zum Kloster – zu reisen und dort die Fürsprache von Hildegard von Bingen zu erreichen. Doch nicht nur diese Aufgabe scheint unerfüllbar, auch Hildegard von Bingen stellt Seyfried scheinbar unmögliche Bedingungen. Derweil warten seine Frau (im Kerker) und seine beiden Kinder auf der Burg Staufen verzweifelt auf seine Rückkehr…

Erst vor ein paar Tagen fertig gelesen habe ich den bisher neusten historischen Roman von Dorweiler: „Die Mission des Goldwäschers“ (erschienen 2023). Die Geschichte hat mich vor allem deshalb interessiert, weil ich wissen wollte, wie Goldwäscher früher am Rhein gelebt haben, da es heute noch Hobby-Goldwäscher am Rhein gibt (ich durfte vor einer Weile einem beim Goldwaschen über die Schulter schauen) – und weil die Geschichte ganz in der Nähe beginnt, wo ich wohne und ich deshalb die meisten Schauplätze des Romans (sehr) gut kenne. Besonders hat mich der Roman auch gereizt, da sich darin eine Gruppe von Menschen verschiedener Herkunft auf die Suche nach dem legendären Schatz der Nibelungen begibt. Unterwegs gibt es nicht nur verschiedene Rätsel zu lösen, sondern Goethe höchstpersönlich stoßt zur Gruppe dazu. Doch auch andere sind auf den angeblich unermesslich riesigen Gold-Schatz aus und schrecken auch vor Mord und Totschlag nicht zurück. Da der Schatz außerdem nur am längsten Tag des Jahres, also am 21. Juni, gehoben werden kann, beginnt ein erbarmungsloser Wettlauf mit der Zeit…

Der Vollständigkeit halber möchte ich noch das im Jahr 2018 erschienene Buch „Das Geheimnis des Glasbläsers“ erwähnen, welches mich aber bis anhin nicht „gluschtet“ hat zum Lesen, aber wer weiß, falls mir einmal – was zum Glück eher selten vorkommt – doch der Lesestoff ausgehen sollte, ist es ganz gut, wenn noch ungelesene Bücher im Bücherregal stehen, die sich vielleicht doch noch lohnen zu lesen…

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