Ein Erlebnis in der Tierartpraxis hat bei mir einen lange vergessenen, aber nicht weniger starken Wunsch wieder aufkommen lassen:
Der halbjährliche Impftermin unserer Katzen steht an und so machen wir uns mit unseren zwei auf den Weg in die Tierartpraxis. Aufgrund der momentanen Situation darf nur eine Person mit den Tieren in die Praxis und wir müssen – mit allen anderen Tierbesitzern – auf dem Parkplatz warten, bis wir an der Reihe sind.
Wie immer ist viel los, der Parkplatz ist voll besetzt, so dass weitere Autos an der Straße parken, unter anderem zwei, bei denen zwei Frauen und ein Mann stehen, die abwechslungsweise eine Katze an sich drücken und sich immer wieder umarmen. Als die Tierärztin auf den Parkplatz kommt, um den nächsten Tierhalter aufzurufen, begrüßt sie die Anwesenden, auch die Dreiergruppe und teilt ihnen – mit offensichtlichem Bedauern – mit, dass nur eine Person mit dem Tier in die Praxis kommen darf. Die jüngere Frau ruft über die Straße: „Können Sie nicht mit der Spritze zum Auto kommen?“ Die Tierärztin verschwindet wieder in der Praxis, und mein Mann, der das ganze beobachtet hat, wirft einen Blick zu dieser Familie und flüstert mir dann zu: „Ich glaube, die verabschieden sich gerade von ihrer Katze.“ Ich erschrecke und mir wird klar, warum sie alle drei mit dem Tier mit in die Praxis gehen möchten!
Dann wird mein Mann in die Praxis gerufen und kurz darauf erscheint die Tierärztin mit dem Stethoskop um den Hals und einer langen Spritze. Oh mein Gott, denke ich, jetzt müssen diese armen Menschen auf dem Gehweg von ihrer Katze Abschied nehmen! Wie schrecklich ist das denn!
Und ich wünsche mir – einmal mehr – dass es in unserer Gesellschaft einen würdevolleren Umgang mit dem Tod geben würde, dass es einfach Zeit und Raum für die Angehörigen geben würde, um angemessen Abschied nehmen und trauern zu können.
Denn wenn schon der Abschied vom einem geliebten Haustier – was ich auch schon erlebt habe – schmerzt und traurig macht, wie sehr nimmt einem dann der Tod eines geliebten Menschen mit, wie sehr ist gerade dann Raum und Schutz für die eigenen Gefühle nötig? Ich erinnere mich immer noch mit Schaudern an die unmenschliche Situation im Krankenhaus, als mein Bruder starb. Er durfte im Beisein seines Lebenspartners und einem Teil seiner Familie sterben, doch nach seinem Tod mussten wir das Zimmer verlassen und es blieb uns nichts Anderes übrig, als auf dem Flur noch eine Weile zusammen zu trauern, beäugt von anderen Besuchern und immer wieder durch das geschäftige Treiben der Station unterbrochen. Und da habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als dass wir Raum gehabt hätten, um noch eine Weile gemeinsam am dem Ort zu trauern, an dem dieser liebe Mensch gestorben ist – und so ein würdevoller Abschied möglich geworden wäre.