Ich habe noch nie Walpurgisnacht gefeiert. Doch vor zwei Jahren habe ich eine Walpurgisnacht erlebt, an die ich mich immer wieder gerne erinnere, denn ich hatte etwas für mich einmaliges erlebt. Natürlich geht es ums Motorrad fahren…
Damals war ich um diese Jahreszeit noch dabei, die letzten Fahrstunden und Sonderfahrten für den Motorradführerschein Klasse A zu absolvieren. Zu den Sonderfahrten gehören auch drei Dämmerungs-/Nachtfahrten von je fünfundvierzig Minuten (drei Lektionen). Da ich sowieso immer eine Doppellektion Unterricht hatte, würde ich auch die Dämmerungsfahrt gleich an einem einzigen Abend „runterfahren“, also würde ich – zum ersten Mal! – über zwei Stunden unterwegs sein. Da hatte ich ja schon ein bisschen Bammel vor… ich war ja noch nie so lange unterwegs gewesen und dann auch noch im Dunkeln. Wobei es nicht in erster Linie die Dunkelheit war, vor der ich am meisten Respekt hatte, sondern ich hatte eher Angst davor, nach einem (anstrengenden) Tag nicht mehr fit genug für eine solche Fahrt zu sein (wer das besser verstehen möchte, liest vielleicht den Beitrag „Ich bin kein Alien – ich bin einfach „nur“ hochsensibel!“). Doch ich konnte ja schlecht einfach den ganzen Tag im Bett bleiben, wenn dann die Nachtfahrt anstand…
Schließlich steht der Termin fest: der 2. Mai. Die größte Unsicherheit ist das Wetter, denn nachts im Regen wollte ich nicht unbedingt unterwegs sein und ich glaube, das wollte mir auch mein Fahrlehrer nicht zumuten. Deshalb schaue ich mir schon zwei Tage vorher – am 30. April – nachmittags die Wettervorhersage für die nächsten Tage an und stelle ich fest, dass am Tag der Nachtfahrt Gewitter angekündigt sind – keine gute Idee, dann mit dem Motorrad unterwegs zu sein! (Da meine Fahrprüfung aber bereits in der Folgewoche stattfinden sollte, blieb nach hinten nicht mehr allzu viel Spielraum.) Und so kommt mir eine Idee…
Obwohl ich am 30. April am Vormittag noch in Basel bei meiner Tante war, um mit ihr Schuhe zu kaufen und am Nachmittag im ganzen Haus Staub gesaugt hatte, bin ich total gut drauf und fühle mich noch richtig fit. Und nach dem Blick in die Wetterprognose beschließe ich, meinen Fahrlehrer zu fragen, ob er nicht gleich am selben Tag noch Zeit für die Nachtfahrt hat. Ich rufe ihn an und frage, ob er an diesem Abend Zeit hat. Erst ist er etwas überrascht, aber als ihm erkläre, dass am geplanten Termin abends Gewitter vorhergesagt werden, ist er einverstanden. Ich freue mich riesig und bin total gespannt auf diesen Abend und meine ganz persönliche „Walpurgisnachtfeier“. (Übrigens hatte ich ursprünglich tatsächlich vorgehabt, an eine Walpurgisnacht-Feier mit Feuer zu gehen – zum ersten Mal! Aber die Aussicht, den Abend mit Motorradfahren zu verbringen war dann doch verlockender…).
Ich bin ziemlich aufgeregt, als es losgeht. Erst müssen wir noch tanken, dann fahren wir – noch im Hellen – los, nach Lörrach und von dort nach Rheinfelden und weiter dem Hochrhein entlang. Die Strecke ist herrlich, eine breite Landstraße, die durch schöne Wiesen führt und dabei auch immer mal wieder den Blick aufs Wasser freigibt. Mit offenem Visier rieche ich das Gras, atme die frische Abendluft ein und bin wie berauscht. In Bad Säckingen – inzwischen ist es richtig dunkel – legen wir auf dem Parkplatz eines Auto- und Motorradhauses eine kurze Pause ein.
Ich fahre besser denn je – was auch meinem Fahrlehrer auffällt, aber wir können hinterher beide nicht erklären warum. Vielleicht weil ich in der Dunkelheit alles ausblenden und mich ganz auf mich und das Fahren konzentrieren kann? Ich weiß es nicht… denn selbst auf dem Rückweg auf einer Strecke, die ich mit dem Motorrad noch nie gefahren bin (ich kenne die Strecke nur bei Tag vom Auto fahren), kurve ich ganz entspannt durch die Dunkelheit. Inzwischen ist es allerdings recht frisch geworden, das Thermometer im Auto meines Fahrlehrers zeigt noch neun Grad an, wie er mir über Funk mitteilt (ich kann mir richtig vorstellen, wie er dabei grinst, denn er sitzt ja im warmen Auto…!).
Trotzdem fahren wir noch für ein paar Kilometer auf die Autobahn. Das hatte ich mir ausdrücklich gewünscht, ich wollte so viel wie möglich in der Fahrstunde ausprobieren, denn dann hatte ich ja immer „Begleitschutz“. Dann geht es noch ein bisschen über Land und durch eine Ortschaft hindurch und schon sind die zwei Stunden und fünfzehn Min um! Ich kann es kaum glauben, vor allem kann ich kaum glauben, wie ich gefahren bin. Und das auch noch nach dem kurzen Zwischenfall, bei dem ich noch vor der Autobahnfahrt mitten auf der Landstraße den linken Sturzbügel verloren habe – der ist einfach so während der Fahrt abgefallen! Ich weiß noch, dass ich am linken Knie plötzlich einen leichten Schlag verspürt habe und mich gewundert habe, ob das vielleicht eine Fledermaus war? Aber so tief? Erst als ich unter der nächsten Straßenlaterne durchfahre, sehe ich, dass der linke Sturzbügel fehlt – der liegt vermutlich heute noch irgendwo dort im Straßengraben, wo ich ihn verloren habe…
Warum ich mich ausgerechnet jetzt wieder an diese besondere Fahrt erinnere? Nun zum einen sicher deshalb, weil wir heute den 30. April, also das Datum der Walpurgisnacht haben. Zum anderen aber vor allem deswegen, weil ich ihn kürzlich wieder wahrgenommen habe, als ich mit meiner Lady unterwegs war: der Duft der Wiesen – und der Freiheit.